Freiheit muss erkämpft werden

 

Pussy Riot im Mousonturm

 

Es ist bekanntlich die Gretchenfrage für jeden Staat, wie er mit seiner Opposition umgeht.

Der Umgang des russischen Staates mit den Polit- und Performance Künstlerinnen von Pussy Riot war in den letzten Jahren sicher einer der öffentlichkeitswirksamsten Fälle, wie in Russland mit Abweichlern verfahren wird.

Nach ihrer feministischen Performance 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale wurden die Mitglieder der Gruppe verhaftet und zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Sie wurden damit eben Opfer jener Zustände, die sie mit ihrer Aktion anprangerten: Die Verwobenheit des russischen Staates mit der orthodoxen Kirche und der repressive Umgang mit Allen, die sich dieser autoritären Allianz widersetzen.

Im Mousonturm wird die Geschichte der Gruppe in Form einer Performance, oder vielmehr eines Konzertes, erzählt. Auf der Bühne sind: Ein Schlagzeuger, zwei Aktivistinnen und ein Aktivist, und ein Kameramann, der, wie sich später herausstellt auch schon damals gefilmt hat, in der Kathedrale. Auf einer großen Leinwand werden die von Marija Aljochina in russischer Sprache deklamierten Texte auf Englisch eingeblendet, kombiniert mit dokumentarischen Material: Performances, Aufnahmen von Putin und dem Oberhaupt der Orthodoxen Kirche, Demonstrationen, Polizisten, Gefängniswagen und Privataufnahmen aus dem Leben der Frauen. Aber auch, wenn ein Mann als Tänzer, Performer und Aktivist mit auf der Bühne steht, sind es doch vor allem die Frauen, um die es hier geht.

Der Blick der Zuschauerin wird gebannt und hastet zwischen Text und Bild hin und her. Das monotone Trommeln und die geschrienen Parolen paralysieren eher, als dass sie zum Tanzen einladen. Durch das Saxophon und diverse Halleffekte scheint manchmal fast ein Kirchenraum akustisch simuliert zu werden, Schreie und Gesangsfetzen verweben sich mit den Erzählungen von Gefangenschaft und Arbeitslager (da wo früher ein Gulag war).

Die Show ist in Rot und Blau gehalten, viel Nebel und auch die bunten Sturmhauben und andere Masken tauchen auf. Am eindrücklichsten ist es aber vielleicht dann, wenn die Masken fallen. Es ist nicht nur ein autoritäres Regime was hier angeklagt wird, es ist auch ein Patriarchales. Sie seien an einen Ort gegangen, den Frauen sonst nur als Bräute betreten, oder eben gar nicht, weil die Priester ausschließlich männlich sind. Das 2012 performte Gebet richtete sich an die Jungfrau Maria, und formulierte den Wunsch, dass Putin keine 3. Amtszeit antreten möge (was auch darauf anspielte, dass das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Moskau zur Wahl Putins aufgerufen hatte).

Am Ende der Performance sagt Marija Aljochina, dass Freiheit nicht da ist, sondern immer wieder erkämpft werden muss.

Nach der Vorstellung sind zahlreiche Gruppen vor der Türe ins Gespräch vertieft. Eine Gruppe von Deutschen und Russen (oder Deutsch-Russen) diskutiert leidenschaftlich. Eine Frau kritisiert, dass die Gruppe keine Forderungen aufstelle, „Dass es Scheiße ist wissen wir alle“. Eine andere widerspricht, es gehe um den Widerstand gegen die Herrschaft, und es sei ja auch nicht die Aufgabe von Künstlerinnen politische Konzepte vorzulegen. Eine junge Frau weist darauf hin, dass es ja auch die Großeltern, die Alten sind, die kein Verständnis für die Homosexuellenbewegung haben, eine andere widerspricht, dass diese Vorbehalte erzeugt werden, und zwar vom Staat.

Eine Forderung war jedoch recht deutlich immer wieder aufgetaucht, möchte ich hinzufügen, nämlich danach, dass die politischen Gefangenen freigelassen, und die Unterdrückung der Gay Community aufhören muss.

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Freiheit muss erkämpft werden

Ihr Partner in…

 

 

 

Es ist wirklich erstaunlich, wer sich alles mit mir verpartnern will. Angesichts des überquellenden Angebots kann ich mich einfach nicht entscheiden: „I’m so sorry“.

Ich schlage die Zeitung auf, und eine Versicherungsgesellschaft verkündet mir: „Ihr Partner in Versicherungen“. Noch bevor bei mir auch nur die leiseste Ahnung dieser neuen Bekanntschaft aufstieg, ist sich diese Gesellschaft bereits vollkommen sicher. Sie, bzw. ihr Werbegesicht (Mitte-Dreißig, grauer Anzug, gebleckte Zähnen) proklamiert lauthals unsere Partnerschaft.

Als ich im Supermarkt um die Ecke eine Milch kaufen möchte, springt mir der Slogan entgegen: „Ihr Partner in Frische“. Und während ich die einzelnen Abteilungen durchquere, stimmt jede Einzelne ein: Ihr Partner in Bio, ihr Partner in Sauberkeit, ihr Partner in…

„16,79“; Schnell bezahlen und heraus aus diesem Panoptikum.

Eigentlich kenne ich den Begriff des Partners nur aus 80er-Jahre-Serien, ja genau, Remington Steele und Simon&Simon. Er ist für mich unauflöslich verknüpft mit Männern mit Cowboyhüten und Oberlippenbart, die sich herzhaft auf die Schulter klopfen und sich eben „Partner“ nennen.

Beim Zahnarzt im Wartezimmer höre ich den Arzt leutselig mit einem Patienten im Gespräch: „Meine derzeitige Lebensabschnittspartnerin ist Lehrerin.“

„Nein, das wollte ich doch gar nicht wissen“, ich entschuldige mich bei der Sprechstundenhilfe, verlasse die Praxis und eile heimwärts. Hektisch schließe ich die Haustür auf, nur um aus den Augenwinkeln ein neues Schild zu erspähen: „Ihr Partner in Müllentsorgung“. Langsam fühle ich meine Knie unter mir wegsacken.

Ihr Partner in…

Jagdausflug zum Zeitungskiosk

 

 

Wer die ganze Fülle gesellschaftlichen Wahnsinns inhalieren möchte, gehe in eine gut sortierte Bahnhofsbuchhandlung. Ganz vorne stapeln sich Frauenzeitschriften, die „Gala“ („Diese Königshausscheiße interessiert mich nicht“), weiter „Freundin“ und „Brigitte“ (etwas brav und angestaubt), „Cosmopolitan“ gibt (wenigstens gefühlt) jede Woche allerneueste und -heißeste Sexratgeber (bester Orgasmus, bester Typ, bester Body: hot, hot, hot). Aus dem Adornoseminar weiß ich, dass Begriffe wie „sexy“ und „Sex haben“ auch die Verdinglichung und den Warencharakter von Sexualität verraten. Kannste mir glauben!

 

Zurück zu den Frauenzeitschriften:  Intouch und andere Blätter unterrichten mich vor pinkfarbenem Hintergrund über Fragen wie: „Was ist bloß mit ihrem Gesicht passiert?“, „Warum tut er ihr das an?“, „Total fertig?“ etc.

Die „Herren-Ecke“ mit den Erotikzeitschriften wie Penthouse und Playboy wirkt so altbacken, wie die davorstehenden Herren, aber bitte, wer’s mag: Ein paar keimfreie Blondinen räkeln sich unter karibischem Himmel.

Wirklich spannend wird es dann in der Hobbyecke, die Eisenbahn-Narren (Dampflok- und Diesel-Enthusiasten) haben mindestens ebenso viele Regalmeter wie die Strandblondinen.

Für schlammbespritzte Actionhelden gibt’s den Motorsport, im Gegensatz dazu bevorzugt der kultivierte Traumschiffkapitän mit weißem Kragen die Zeitschrift „Schiffe und Yachten“ mit Segelbooten im Hafen von Portofino. Martialisch wird es, wenn „Clausewitz“ die spannendsten Schlachten vorstellt, die der Leser dann in Pantoffeln und mit Dackel auf dem Schoß noch mal richtig genießen kann.

Der Wahnsinn kulminiert schließlich in der Jagdecke. „Wild und Hund“ gibt Anleitungen, wie man dem Rotwild weidmännisch beikommt („krachend brach der Gewaltige durch den nächtlichen Tann“). Auch Hermann Göring und Erich Honecker waren da in ihrem Element. Weiter geht es mit dem „Härtetest für Sauschutzhosen“, dem frostsicherem Büchsenfett und dem Filzkissen für den Hochsitz. Ich vermisse den Ratgeber für Jagdunfälle („Im Dunkeln hielt er Jochen für ein Schwein“).

„Wild und Hund“, diese blaue Mauritius im Blätterwald, enthält auch eine Rubrik für Kontaktanzeigen, wo Waidmann und Waidfrau gemeinsam dem Fuchs und dem Hasen „Gute Nacht“ sagen. Mit einer unbestimmten Angst im Nacken suche ich den Ausgang. Und tatsächlich – ein Mann im grünen Lodenmantel folgt mir mit stechendem Blick. Ich bin mir sicher, dass er Sauschutzhosen trägt.

Jagdausflug zum Zeitungskiosk

Kampf um Erinnerung

 

Symposium zum 30. Jahrestag des Börneplatzkonfliktes

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jüdisches Museum Szadzwerke1

 

Bei dem vom Jüdischem Museum und Fritz Bauer Institut gemeinsam ausgerichteten Symposium mit dem Titel „Der Börneplatz-Konflikt 1987 revisited“ ging es in erster Linie um die wissenschaftliche Reflektion der nun 30. Jahre zurückliegenden Ereignisse. Das Veranstaltungskonzept beinhaltete aber auch die gemeinsame persönliche Erinnerung. In der sich anschließende Debatte meldeten sich zahlreiche Zeitgenossen und ehemalige Aktivistinnen zu Wort.

Das Symposium fand im Gebäude der Frankfurter Stadtwerke, und damit am ehemaligen Schauplatz der Auseinandersetzung statt. Dort stieß man 1987 während der Bauarbeiten zu einem Verwaltungsbau für die Stadtwerke auf Mauerfragmente des alten Frankfurter jüdischen Ghettos: 19 Häuser und zwei Ritualbäder wurden gefunden.

Noch vor Baubeginn war der Standort des Ghettos, das seit dem Mittelalter bestanden hatte und erst 1871 aufgelöst wurde, gemeinhin bekannt. Nach dem Fund forderte die jüdische Gemeinde einen Baustopp, dem jedoch nicht nachgekommen wurde.

Die Konsequenz war ein Kompromiss, nur ein kleiner Teil des archäologischen Funds wurde erhalten, der Rest wurde abgetragen, nummeriert und eingelagert. Nachdem der Magistrat signalisiert hatte, dass er von seinem Bauvorhaben nicht abrücken würde, besetzte eine Gruppe Engagierter das Gelände über eine Dauer von fünf Tagen.

Die Vorträge des Symposiums behandelten das Ereignis und die darauf folgenden Debatten.

Dr. Mirjam Wenzel, die Direktorin des jüdischen Museums weist in ihrer Einführung auf die große Bedeutung des Fundes hin, es habe sich um den „bis dato größten archäologischen Fund eines jüdischen Siedlungsgebietes aus der frühen Neuzeit in Europa“ gehandelt.

Der Vortragende und wissenschaftliche Mitarbeiter am jüdischen Museum Dr. Tobias Freimüller beleuchtet den historischen Kontext der 80er Jahre als einen, in dem sich zwei Tendenzen finden lassen. Die erste sei eine konservativ-rückwärtsgewandte, die insbesondere durch den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl vertreten wurde. Kohl sei es darum gegangen ein „neues Geschichtsbild aus dem Kanzleramt heraus zu implementieren“. Er habe ein ungebrochenes Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte gewünscht, in dem der Holocaust nur ein Kapitel unter Vielen darstellen sollte. Zeitgleich habe es aber auch eine andere, progressive Strömung gegeben, ein Schlagwort in dieser Tendenz sei der Begriff der  „Geschichte von unten“ gewesen, zahlreiche lokale Geschichtsvereine seien in den 80er Jahren entstanden, und die jüdische Gemeinde sei in dieser Zeit in einem stärkeren Maße auch öffentlich sichtbar geworden.

Cilly Kugelmann, die in leitender Position für das jüdische Museum Frankfurt und für das jüdische Museum Berlin tätig war, beschreibt eine neue Welle der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Vernichtung der europäischen Juden zu Beginn der 80er Jahre, die durch die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ ausgelöst wurde.

Joseph Cronin weist darauf hin, dass das Frankfurter Ghetto zur Zeit des Nationalsozialismus schon nicht mehr bestanden habe, andere hätten aber zur Zeit des NS noch bestanden, und seien von den Nationalsozialisten zerstört worden. Die Ruinen des Frankfurter Ghettos hätten also in der Auseinandersetzung der 80er Jahre symbolisch auch für die von den Nationalsozialisten zerstörten Ghettos gestanden.

Der Referent Prof. Nikolaus Hirsch hatte bei dem damaligen offenen Wettbewerb zur Gestaltung des Börneplatzes einen Entwurf eingereicht, den er jedoch erst in den 90 Jahren umgesetzte. In Hirschs Entwurf sind die abgetragenen Fundamentsteine des Ghettos in einen Kubus zusammengefügt. Sein Ziel bei der Gestaltung des Platzes sei es gewesen, den alten jüdischen Friedhof in den Platz, und das Denkmal in den Alltag zu integrieren. Am Denkmal sind Namensschilder der Frankfurter deportierten Juden angebracht.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Prof. Dr. Micha Brumlik betont die symbolische Bedeutung des Ortes. Der Börneplatz sei ein steinernes Zeugnis dafür (gewesen), dass es ein jüdisch-deutsches Leben gab, was aber unwiederbringlich verloren war.

In der Beschreibung der Autorin Eva Demski klingen bei der Beschreibung der Atmosphäre bei der Platzbesetzung fast romantische Töne an, es seien junge Leute gewesen, die mit ernsten Gesichtern auf den Steinen gesessen und Ludwig Börne zitiert hätten. Musiker aus dem Jazzkeller seien auch dazu gekommen. Es habe keine Rolle gespielt, ob man jüdisch sei, oder nicht. „Die, die da waren, hatten das Gefühl, es ging sie was an, und es ging sie auch was an!“.

Die psychologische und die politische Bedeutung des Konflikts lassen sich wohl kaum überschätzen, das wurde in der Veranstaltung spürbar und von den damals Beteiligten auch artikuliert. Die Entscheidung der Stadtregierung einen historischen Fund, und einen Erinnerungsort an jüdisches Leben in Deutschland hemdsärmlig abzuräumen, wurde von den Besetzerinnen als Unrecht erkannt. Angesichts dieser Situation konnte sich der Eindruck einstellen, dass die Auslöschung der Erinnerung an jüdisches Leben in der Nachkriegsgesellschaft fortgesetzt wurde, auch weil sich Erinnerung ohne Orte nur schwer einstellt.

 

Kampf um Erinnerung

Käuze in Bad Soden

Kauzturm3

#waldkauz #vogeldesjahres2017

 

Eine lange Wendeltreppe führt hinauf in den Ausstellungsraum des Bad Sodener Wasserturms. In einer Wandnische kauert ein ausgestopfter Fuchs. Hinter mir schreit ein Kind auf. Im Dachgeschoss werden die Räume freundlicher, dort ist derzeit eine Ausstellung zum Waldkauz zu sehen. Der Waldkauz wurde zum Vogel des Jahres 2017 gewählt.

Anhand von Schautafeln wird dort das Leben der Käuze beschrieben, und auch, wie die Menschen den Kauz im Alltag unterstützen können. Dieter Neumann vom Naturschutzbund erzählt lebhaft von der Kauzproblematik. Waldkäuze finden ihre Behausungen im Allgemeinen in den Höhlen alter fauliger Bäume, die werden aber immer weniger, da sie unrentabel für die Forstwirtschaft sind.

Der Waldkauz ist die häufigste Eulenart in Deutschland. Auch in Bad Soden sind ungefähr vier  Kauzpaare angesiedelt. Es sind hauptsächlich Mäuse und kleine Vögel von denen sich der Kauz ernährt.

Wegen seiner Ernährungsgewohnheiten ist der Kauz sehr unbeliebt bei den anderen Vögeln, und verbirgt sich meistens. „Das ist Mobbing, die Tagvögel hauen auf den drauf, die kennen da Nichts“ sagt Herr Neumann. Außerdem würde der Waldkauz auch keine Rivalen dulden, dadurch sei sein soziales Leben etwas eingeschränkt.

Der Kauz hat jedoch auch regelrechte Superkräfte, Teleskopaugen und einen Weitwinkelblick, so dass er ein sehr großes Gebiet überschauen kann. Allerdings sind die Käuze ein wenig weitsichtig, was auch der Grund dafür ist, warum der Kauz bei der Beuteübergabe an die Käuzin die Augen schließt, nämlich um seine Augen vor ihrem  Schnabel zu schützen.

Käuze werden in der Regel 50-60 Jahre alt (wenn man sie lässt), doch leider sterben über 50% noch vor dem ersten Lebensjahr.

Neumann ist ein pensionierter Chemie- und Physiklehrer, er kümmert sich schon seit Jahren um die Instandhaltung des Wasserturms, und kennt sich bestens aus, in der Vogelwelt. Das Schrumpfen der Vogelpopulation sei ein großes Problem: „Das liegt an den Pestiziden, es gibt weniger Insekten, und so auch weniger Vögel, aber wenn ich Bauer wäre, ich würde es auch so machen, die müssen ja mithalten, es braucht gesetzliche Regelungen!“.

Weitere Termine an denen die Ausstellung geöffnet ist:

10. September(=Tag des offenen Denkmals), 1. Oktober 2017, 5. November 2017, 3. Dezember 2017 (jeweils von 11-16h).

 

Käuze in Bad Soden