„Für das Wort und die Freiheit“

 

Ein Veranstaltungsnachtrag

#fbm2018 #frankfurterbuchmesse2018

 

Als Esra Kücük von der Allianz Kulturstiftung nach dem Stand der anhängigen Gerichtsverfahren fragt, erklärt Deniz Yücel, dass es sich dabei um zwei Verfahren handele.

 

Ersteres ist der seit Juni in seiner Abwesenheit geführte Prozess in der Türkei. Die Anklage lautet auf Terrorpropaganda und Volksverhetzung. Die Anklageschrift bezieht sich dabei auf acht von ihm veröffentlichte Artikel und die Auswertung von Handyverbindungsdaten. Die Artikel, die damals in der Zeitung „die Welt“ erschienen, setzen sich u.a. kritisch mit der Situation der Kurden in der Türkei, dem Völkermord an den Armeniern und dem türkisch-kurdischen Beziehungen auseinander.

Bei den Handydaten wurde der Vorwurf erhoben, dass Yücel Kontakt zu Personen gehabt haben könnte, die zur PKK gehören könnten, oder die Kontakt zu Personen gehabt haben könnten, die Kontakt zur PKK gehabt haben könnten. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Konjunktiv vergessen habe“ merkt Yücel ironisch an.

 

Das zweite Verfahren werde beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geführt, dabei gehe es um die „Rechtsmäßigkeit der Verhaftung“, oder wohl vielmehr um ihre Unrechtmäßigkeit.

 

 

Der Geschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Alexander Skipis hatte sich während der Inhaftierung Yücels in dem türkischen Gefängnis Silivri für dessen Freilassung engagiert. Erst kürzlich nahm er an einer Mahnwache für inhaftierte Journalisten in der Türkei teil. Noch immer sitzen dort 140 Journalist/-innen in Haft.

 

Skipis verweist bei seinem Engagement auch auf „unsere Geschichte“. Und führt aus, dass die Buchbranche und der Börsenverein des deutschen Buchhandels ab 1933 mit dem NS-System kooperierten. Unter anderem sei der Verein an Bücherverbrennungen beteiligt gewesen.

Als Lehre aus dieser Geschichte sei für ihn besonders wichtig, dass es immer auch um Einzelschicksale gehe. Deswegen habe er sich für Deniz Yücel engagiert und setze dieses Engagement für inhaftierte Journalisten nun fort. Genannt wird u.a. der Name des Journalisten Ahmet Altan. Kritisch merkt er an, dass die 30 Artikel der UN-Menschenrechtscharta immer dann in den Hintergrund geraten würden, wenn wirtschaftliche, strategische und/oder Nato-Interessen ins Spiel kämen.

 

Deniz Yücel betont jedoch, dass sich auch mit der Freilassung von Journalisten nicht alles in der Türkei zum Guten wende. Die Meinungsfreiheit werde auch im Kleinen unterdrückt. Auch der Gymnasiast der einen Tweet absende, könne zum Opfer werden. Seit 2016 seien 1/3 der Richter und Staatsanwälte entlassen worden, im Sommer diesen Jahres sei eine der letzten kritischen Zeitungen, die Cumhuriyet durch ein „reaktionäres Redaktionsteam“ übernommen worden.

 

Yücel berichtet, wie zur Zeit seiner Inhaftierung von seinen Anwälten versucht worden sei, in der Türkei tätige deutsche Unternehmen wie Boss, Siemens, Bosch und Bauhaus dazu zu bewegen eine Anzeige zu schalten, in der sie eine (vorsichtige) Kritik an der türkischen Regierung formulieren sollten. Dazu seien sie aber nicht bereit gewesen. Erst kürzlich seien von einem dieser Unternehmen Leute entlassen worden, die sich einer Gewerkschaft anschlossen, was auch bedeutet, dass auch deutsche Unternehmen von dem ungenügenden Arbeitnehmerschutz in der Türkei profitieren.

Alexander Skipis fordert von der Bundesregierung das Eintreten für die Werte, die in der UN-Menschenrechtscharta festgehalten sind. Das sei aber derzeit nicht der Fall. Beispielsweise würden weiterhin Waffen nach Saudi-Arabien geliefert, und, als sich die kanadische Außenministerin für die in Saudi-Arabien inhaftierte Aktivistin Samar Badawi einsetzte (und darauf eine diplomatische Krise folgte), habe es keine Solidarisierung von Seiten der Bundesregierung gegeben.

Als weiteres Beispiel könne der Staatsempfang für Erdogan in Berlin gelten. Dort habe der ehemalige Redakteur Can Dündar seine Teilnahme wohl auf Verlangen des türkischen Staatspräsidenten trotz Akkreditierung absagen müssen. Ein weiterer Journalist sei von deutschen Polizisten aus dem Raum entfernt worden, weil er ein T-Shirt mit der Aufschrift, „Pressefreiheit für die Journalisten in der Türkei“ trug.

 

Auf die Frage der Moderatorin Esra Kücük nach dem Verdacht, dass die Freilassung von ihm an Waffenlieferungen an die Türkei geknüpft gewesen sein könnte, antwortete Yücel, dass er immer klar gemacht habe, dass er für solch einen „Deal“ nicht zur Verfügung stehe. Auch wenn er real betrachtet dabei wohl kaum hätte mitreden können. Es müsse auch gesehen werden, dass die Waffenlieferungen an die Türkei nie gestoppt worden seien, obwohl gemeinhin bekannt sei, dass deutsche Waffen in kurdischen Gebieten gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Der Verdacht, dass es einen solchen Deal gegeben habe, gehe auf eine Äußerung des damaligen Außenminister Sigmar Gabriel zurück.

 

Als die Moderatorin an den Vorschlag erinnert, die Türkei mit die Gewährung von Hermesbürgschaften zu binde, betont Yücel, dass es natürlich möglich sei Investitionen, Kredite und die Neuverhandlung der Zollunion an konkrete Bedingungen zu knüpfen, z.B. die Freilassung von Journalisten. Die Türkei könne aber nicht nur durch Druck von Außen geändert werden, aber, dabei zitiert er einen Abgeordneten der demokratische Partei der Völker (HDP) in der Türkei, Europa solle wenigstens kein Rettungsanker für Erdogan sein.

 

Die Strategie der Bundesregierung funktioniere dabei nur sehr begrenzt. Bei dem Staatsempfang vor zwei Wochen sei wohl die Idee gewesen, im Rahmen des Empfangs auch Kritik zu üben. Über die kritischen Töne, die Bundespräsident Steinmeier anschlug sei aber in der türkischen Presse nicht berichtet worden. Das Ganze wurde als Erfolg des Regimes verkauft. Die Politik habe eben keine Strategie im Umgang mit Politikern, die „einfach irgendwas behaupten“.

Skipis betont dass die Zukunft der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei nicht bei Erdogan liegen könne.

 

Yücel greift noch einmal die besondere Nähe zwischen den beiden Ländern auf. In Deutschland leben 3.000.000 Türken, auch deswegen, wegen den zahlreichen Freundschaften und Beziehungen die im jahrelangen Zusammenleben entstanden seien, sei die Türkei auch als „nahes Land“ empfunden worden. Nun laufe sie aber Gefahr als „irgendeine (weitere) Diktatur im Nahen Osten“ wahrgenommen zu werden. „Die Türkei besteht nicht nur aus der Erdogan-Regierung, wenn die abgestreift wird, sollte Europa offen sein“.

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„Für das Wort und die Freiheit“

Alle Jahre wieder…

#frankfurtbuchmesse2018 #fbm2018

Die Buchmesse ist ein bisschen wie Weihnachten im Oktober. Ein zuverlässig wiederkehrendes Ereignis mit den gleichen Protagonisten.

Neben den Ständen von Verlagen, Zeitungen und Präsentationen verschiedener Länder haben sich in den letzten Jahren einige rechte Verlage verstärkt breit gemacht, was zu Gegenprotesten führte. Auf der einen Seite rechte Verlage die einfordern ihre Bücher und Medien auf einer Messe an den Mann zu bringen und auf der anderen Seite linke Positionen, die dies öffentlich in Frage stellen. Damit wurde am heutigen Freitag ein eher seltsamer Umgang gefunden. Das Zwischenstockwerk der Halle 4.1. wurde polizeilich abgesperrt, damit Björn Höcke sein neues Buch „Nie zweimal in den selben Fluss“ (ohne Gegenproteste) vorstellen konnte.

In seinem Buch erklärt Höcke, dass sich die BRD „im letzten Degenerationsstadium“ der Demokratie befinde, aus der sie nur ein „uomo virtuoso“ (Ein Mann mit Ehre) „als alleiniger Inhaber der Staatsmacht“ herausziehen könne, schreibt der Soziologe Andreas Kemper in der Zeitung Graswurzelrevolution.

Also doch nicht wie Weihnachten! Die Gestalten sind zu unerfreulich und mit der Aussperrung (zumindest eines Teils der Öffentlichkeit) wächst doch die Befürchtung, dass auch deren Aktivitäten irgendwie dem Blick entzogen werden. Ein an den abgesperrten Rolltreppen vorübergehender Buchmessenbesucher bemerkte dazu „Ich verstehe eh nicht, was die Nazis auf der Buchmesse wollen“.

Zu rechtem Terror hat der Verlag Antje Kunstmann in diesem Jahr das Protokoll des NSU-Prozesses veröffentlicht (Der NSU-Prozess. Das Protokoll). Autoren sind vier Journalisten der Süddeutschen Zeitung. Im Vorwort schreiben sie: „Dieser Prozess war ein Lehrstück deutscher Geschichte. Eine Tiefenbohrung in unsere Gesellschaft, die gefährliche Sedimente unter der Oberfläche wirtschaftlich blühender Landschaften und einer scheinbar gefestigten Demokratie zutage förderte: brave Bürger, die im Keller unterm Hitlerbild sitzen; fleißige Angestellte, die nichts dabei finden, ihren Pass und ihren Führerschein untergetauchten Neonazis zu überlassen: Verfassungsschützer, die ihre rechtsextremistischen V-Männer mit Steuergeld unterstützen, Polizisten, die der Witwe eines türkischen Opfers sagten, ihr toter Mann habe eine deutsche Geliebte und zwei Kinder mit ihr gehabt – nur um ihr angeblich verstocktes Schweigen zu brechen.“

Neu auf der Messe ist auch das Frankfurt Pavillon. Ein großzügiger Veranstaltungsraum im Innenhof der Messegebäude der von Außen an ein Schneckenhaus erinnert (von Innen eher wie ein Ikea-Regal). Am Freitagnachmittag traten dort unter dem Titel „Für das Wort und die Freiheit“ der Journalist Deniz Yücel und der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Alexander Skipis auf.

Buchmesse2018

Skipis wies auf die Kampagne „On the same page“ hin. Mit dem 70-jährigen Buchmessejubiläum soll auch die vor 70 Jahren verabschiedete UN-Charta für Menschenrechte gefeiert werden. Der im Februar aus der Haft in der Türkei entlassene Journalist Deniz Yücel erhielt vom Publikum gleich zu Beginn der Veranstaltung Standing Ovations. Sowohl Yücel als auch Skipis kritisierten, dass auf der politischen Ebene die Verteidigung von Menschenrechten hinter wirtschaftliche und strategische Interessen zurücktreten würde. Deniz Yücel merkte auch kritisch an, dass deutsche Unternehmen mit Standorten in der Türkei, den fehlenden Schutz von Arbeitnehmerrechten als Standortvorteil nutzen.

Für den Samstag hat die Satirezeitschrift Titanic eine Veranstaltung u.a. zusammen mit Stefanie Sargnagel unter dem Motto „Über Rechte reden“ angekündigt: „…denn sie sind ja überall: auf den Straßen (Chemnitz), in den Talkshows (Will) und auf den Buchmessen (Frankfurt)“. Im Gegensatz dazu verspricht die Titanic einen „radikalen neuen Ansatz“ und „dabei keinen einzigen Fascho zu Wort kommen (zu) lassen.“

Alle Jahre wieder…

Denn er ist ohne Arg…

 Filmrezension

 

„Glücklich wie Lazzaro“

 

Lazzaro scheint in seiner eigenen Welt zu leben. Er ist kein Kind mehr und doch auch noch kein Erwachsener. In seiner Körperhaltung erinnert er an die Darstellung des Pierrots von Antoine Watteau. In der Dorfgemeinschaft ist Lazzaro der einzige, der niemanden für seine Zwecke ausbeutet und missbraucht, vielleicht auch, weil er es nicht kann.

Die Figur wirkt so oft eher wie ein Spiegel für die sie umgebenden Charaktere, deren Treiben er reflektiert. Er ist Heiliger und Idiot in einer Person. Der Schauspieler Adriano Tardiolo zeigt bei seinem Spiel kaum eine mimische Regung – seine Motorik hat jedoch einen hohen Wiedererkennungswert. Der etwas tölpelhafte junge Mann wird von der Gemeinschaft zeitweise mit Fürsorge bedacht, die jedoch auch in Ablehnung umschlagen kann. Er gehört eben doch nicht wirklich dazu.

In einem entlegenen Flecken in Umbrien lebt eine familiäre Gemeinschaft von Feldarbeitern. Die Hauptfigur, der junge Lazzaro, steht in der Hierarchie an unterster Stelle und wird deshalb oft für ungeliebte Arbeiten herangezogen. Er duldet die Behandlung, steht ihr eigentlich völlig indifferent gegenüber. Die Landarbeiter leben unter der Herrschaft einer Contessa weiter in Leibeigenschaft, obwohl diese rechtlich längst abgeschafft ist. Die Contessa, von den Arbeitern auch la serpenta genannt, betrügt die Arbeiter um ihre Freiheit und lässt sie weiter im Tabakanbau schuften. Die Dorfgemeinschaft wird aus diesen mittelalterlichen Zuständen direkt in die Moderne geworfen, was erstaunlicherweise gar nicht so viel an ihrer Lage ändert. Sie sind weiterhin besitzlos.

Oft wirken die Aufnahmen wie Traumbilder. Die öde Berglandschaft entbehrt beinahe jeder Vegetation (wenn man von der Tabakplantage absieht), tiefe, durch Erosion geschaffene Gänge erinnern an Schützengräben. Die Villa der Contessa ziert ein hoher Turm, von dem aus sie die Arbeiter überwacht.

Bei dem Wechsel in die städtische Umgebung herrscht ein gewisser Endzeitcharme vor: Mit Bahngleisen die ins Nichts führen, slumartigen Behausungen und Herrenhäusern an denen der Putz bröckelt.

Die große Palette an witzigen Nebenfiguren, die im Film auftauchen, wäre sicher auch in einer weiteren Ausgestaltung der Charaktere nicht langweilig geworden. Manchmal stellt sich ein gewisses Bedauern ein, nicht mehr von ihnen mitbekommen zu haben.

Die Musik wechselt von Klaviermusik zu Italo-Disco und schließlich zu klerikaler Orgelmusik. Der zeitlose Eindruck der Geschichte (man weiß nicht, wo die Handlung zeitlich zu verorten ist) wird unterstützt durch die Entscheidung der Regisseurin einen Analog-Film zu drehen. Die Farben erinnern an Fotografien aus dem letzten Jahrhundert und werden so zu einer Art geträumten Vergangenheit.

Denn er ist ohne Arg…

Rentner-Vandalismus

Terror in deutschen Städten

Frankfurter Hauptbahnhof, Sonntagnachmittag: Busse mit der Aufschrift „Taunusglück-Rentnerreisen“ bzw. „Der fliegende Wetterauer“ fahren vor, Türen öffnen sich, heraus quellen frohe, volkstümliche Gesänge wie „Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett geseh’n“ oder „Geh’n wir mal wieder zum Schmitt seiner Frau“ oder „Die Frau Rauscher in der Klappergass’“ usw.

Der musikalischen folgt die leibhaftige Eröffnung in Gestalt von „langsam aaner nach dem annern“, „Isch bin net mehr 17“. Vorweg ein Greis in kurzen Hosen, mit Stachelbeinen in weißen Socken. Er zetert: „Erna, mei Brill, isch glaub ich hab mei Brill vergesse!“

Hinter ihm eine Frau gleichen Alters und im passenden Look.„Bist bleed! Du hast se doch umhänge!“ Darauf der Mann: „Hör uff so mit mir zu redde, des lass isch mir net länger gefalle, wer hat denn schließlich hier alles bezahlt“ Der Rentner mit diabolischem Funkeln in den Augen erweckt den Eindruck, er wolle gleich auf seine Kugelfrau eindreschen, oder selbst einen Herzschlag bekommen.

Allmählich entsteht im Reisebus ein Tumult. Mitrentner drängen zum Ausstieg und beginnen wie wild gegen die Scheiben zu klopfen. Zetern und kreischendes Lachen kontaminieren den Bahnhofsplatz.

Wie der Rentnerausflug weitergeht, wird man sich denken können. Am Ende steht der Heizdecken- und Katzenfellverkauf.

Die neue Gefahr: Rentnerrandale

Es ist ein Problem dass sich an vielen Orten in Deutschland zeigt, das aber lange totgeschwiegen wurde. Sie sind überall; Sie lauern in Cafés und sammeln sich an Orten die der Erschöpfte zur Kontemplation aufsucht. Doch die bleibt ihm versagt. Blökend und grölend marodieren Rentner durch die Städte. Verschreckte Jugendliche klammern sich aneinander, verbergen sich hinter Litfasssäulen, ziehen die Kapuze tief ins Gesicht und flüstern „Mein Opa ist auch so“.

Oft sind Rentner auch mit Hunden bewaffnet und lachen böse, wenn man das unheimliche Getier meidet. „Jetzt ham se aber Angst gehabt Froileinsche, hehe“. Oder „Den können Sie ruhisch anfassen, der is ganz lieb“ „Nein danke, ich möchte lieber nicht“ „Fassen se ihn doch mal an, der tut ihnen doch nichts. Wissen se, wenn ich mal ohne den wesch war, und abends heimkomm, dann leckt der mir immer alles ab, gell du, dann leckst du mir immer alles ab…“.

Wenn die gequälte Seele schließlich auf ihrer Flucht die Wohnungstür hinter sich schließen kann, in Erschöpfung niedersinkt und den Moment der Ruhe genießt, dringt durch das offene Fenster immer noch das fetterstickte Lachen das sich mitunter zu kreischigem Schreien steigert. Es bleibt nur, die Fenster in den Abendstunden zum eigenen Schutz fest verschlossen zu halten.

Rentner-Vandalismus als Tabu

Doch keiner wagt auszusprechen, worum es sich wirklich handelt: Besonders viele der Schreckensgestalten haben sich in Kurorten angesiedelt und sie zu ihrem grausigen Pensionopolis gemacht. Im Winter bevölkern sie als kuchenfressende Pelztiere (der Nerzmantel war seit jeher ihr Statussymbol) die einschlägigen Cafés. Schlagsahne und Süßstoffe stehen bereit.

Im Café Rendevous steht eine Dame am Tresen (kaufkräftige Rentner werden trotz schlechten Manieren aus naheliegenden Gründen vom Personal umworben).

„Guten Tag Frau Haberstedt. Was darfs denn sein? Wieder der Pflaumenkuchen mit den Streuseln?“ „Aber nur, wenn er wirklich frisch ist, ich meine wirklich frisch!“. An einem Klavier spielt ein Mann ein Klassik-Medley (Auch das kulturelle Leben wird auf die Rentner ausgelegt und verdirbt es damit unablässlich).

Jetzt trifft eine Gruppe ein, die weitere ästhetische Beleidigungen bereit hält. Ein Herr mit Roy-Black-Frisur (oben stark ausgedünnt) und einer Brille mit hochgeklapptem Sonnenbrillenaufsatz führt eine Dame mit frisch gemachten Rudi-Völler-Löckchen an einen Tisch. Ihnen folgt eine Gestalt mit Pferdeschwanz und Pony, in eine körperumspielende Tunika gehüllt, dahinter ein Glatzkopf mit toupiertem Haarkranz. „Endlich sin mer da“ blökt die ergraute Pony-Frau. Ihr antwortet lautes Stimmengewirr: „Horst du bist da ganz rot auf der Glatze, ich hab dir doch gesagt, du sollst den Hut aufsetzen“ „Mein Ischias“ „Wo sind denn die Toiletten“ „Also ich brauch jetzt erstmal einen Kaffee“ „Mach dei Hos zu“…

Reichsbürger: Rentner in der Provinz

Die Barbarei des flachen Landes ist hinlänglich bekannt, dort hat sich eine besonders gefährliche Art des Vandalismus-Rentners ausgebildet: Der Reichsbürger.

Nach dem Hinschied des Leiters der ortsansässigen Kapelle, Willy Wachtel, in Strunzmargarethä machte seine Familie einen seltsamen Fund. Als sie seine umfangreiche Sammlung an Volksmusikplatten beiseite räumen, blicken sie direkt in den Lauf eines doppelläufigen Jagdgewehrs.

Zwar sei ihnen eine gewisse Waffenaffinität des lieben Großpapas bekannt gewesen, aber diese Waffe, so seine Schwiegertochter, sei nicht einmal registriert gewesen. Allerdings, gibt sie zu, habe seine Vorliebe in den letzten Jahren doch einige Probleme gemacht. Er habe so sehr an seinem Revolver gehangen. Wenn er im Fernsehsessel einschlief, fuhr er bisweilen urplötzlich auf, und schrie die Augen panisch geweitet „Der Russ kommt“. Dann habe er die Pistole gezogen. Auch habe er die polnischen Pflegekräfte, auf deren Hilfe er in seinen letzten Monaten angewiesen war, verdächtigt, ihm seine Waffe entwendet zu haben. Monatelang suchte die gesamte Familie seinen geliebten Revolver. Erst nach seinem Tod fanden sie ihn, hinter dem Spinat im Gefrierfach.

An einem denkwürdigen Tag, dem 29.Oktober, ungefähr einen Monat nach Wachtels Beerdigung, geschah allerdings etwas Unvorhergesehenes. Als Familie Wachtel um 20 Uhr vor dem Fernseher saß um die Tagesschau zu sehen, flimmerten scheußliche Bilder über den Fernsehschirm: Rentnerhorden fielen über die Bevölkerung her, verprügelten Polizisten, hetzten ihre Hunde auf ihre Mitmenschen. Erstaunlich agil, war der Greisenaufstand ausgerufen worden, Frauen mit grauen langen Haaren und bunten Blusen standen auf umgeworfenen Fahrzeugen, die Arme gen Himmel gereckt, den Kopf im Nacken, irre kreischend. Der Moderator verkündete dazu im Stakkato die Sachlage „Aufstände in allen deutschen Städten, Wutrentner und besorgte Bürger überziehen das Land, die Bundesregierung hat den Ausnahmezustand ausgerufen“.

Genug der Greul… Die Höllenvision hatte Hieronymus Bosch zu Ende gemalt.

Damit aber die Statistik nicht zu kurz kommt: Unter dem Schlagwort „Überalterung“ wird das Phänomen gefasst, dass sich der Anteil der über 65jährigen in der Gesellschaft immer weiter erhöht, so dass er sich zwischen 1950 und 2011 etwa verdoppelt hat

Gleichzeitig sank die Anzahl der Geburten den 60er Jahren rapide. Berechnet auf die Anzahl der Geburten je 1000 Einwohner hat sie sich seit den 50er Jahren beinahe halbiert, während die Anzahl der geborenen Kinder um etwa 1/3 gesunken ist. Was lange als Folge des „Pillenknicks“ betrachtet wurde, wird inzwischen weniger der Erfindung der Anti-Baby-Pille, als den Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt seit der Industrialisierung und den Veränderungen der Frauenrolle zugeschrieben. Einige sehen den „Generationenvertrag“ in Gefahr, nach dem der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung den der nicht-arbeitsfähigen versorgen muss.

Rentner-Vandalismus

„Falsche Neuigkeiten“ – Der Kampf um Fake News

 

 

 

 

 

“You have to believe in facts. Without facts there is no basis for cooperation.

If I say this is a podium and you say this is an elephant it’s gonna be hard for us to cooperate.”

 

In seiner Rede zum Gedenken an Nelson Mandela im Juli dieses Jahres beschreibt Barack Obama den veränderten Umgang mit Fakten in der Politik. Die „Politik des starken Mannes“ sei inzwischen überall auf dem Vormarsch, sie ziele insbesondere darauf ab, die demokratischen Normen und Institutionen zu untergraben. Eine Ablehnung von Wissenschaft, Fakten und kritischem Denken werde von dieser Politik geradezu propagiert. Mit seinen Warnungen spielte Obama natürlich insbesondere auf seinen Amtsnachfolger Donald Trump an.

 

Der amtierende Präsident der USA führt den Begriff der Fake News ebenfalls im Munde. Im Sinne von „fake news are the news you do not like“ bezeichnete Donald Trump klassische Medien in den USA wie die New York Times und den CNN als „Fake News“.

Über 300 amerikanische Zeitungen verurteilten in Artikeln, die am 15. und 16. August dieses Jahres erschienen sind, die Diffamierung der freien Presse durch den Präsidenten.

„Journalists are not the enemy“ titelte die „Boston Globe“ die zu der Aktion aufgerufen hatte. Der Titel bezieht sich auf Trumps Behauptung, die Presse sei der „Feind des Volkes“, die er in Reden und Twitternachrichten verbreitete. Die Boston Globe warnte in ihrem Leitartikel davor, dass es immer einer der ersten Schritte von korrupten Regimes gewesen sei, die freie Presse durch eine staatlich kontrollierte zu ersetzen. Trump propagiere das Mantra, dass alle Medien, die ihn nicht bedingungslos unterstützen, „Feinde des Volkes“ seien.

 

Für Trumps Amtszeit hat die Washington Post eine Liste seiner Falschbehauptungen aufgestellt („false and misleading claims“), die mittlerweile über 4000 Eintragungen hat.

Bei diesen Behauptungen rühmt Trump die bisherigen Erfolge seiner Regierungszeit, denunziert die Ermittlungen gegen ihn als Intrige und streut Gerüchte gegen die, die er zum politischen Gegner erklärt hat (Demokraten, Presse, Justiz).

 

Die Diskussion über Fake-News entflammte nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten auch in Deutschland. Es war unklar, wie viel diese zu seinem Wahlerfolg beigetragen hatten. Während des US-Wahlkampfes waren zahlreiche falsche Meldungen zu den Kandidaten und zu unterschiedlichen politischen Themen verbreitet worden. Angesichts des Aufstiegs rechter Parteien in Europa entstanden auch in Deutschland Befürchtungen in Bezug auf die ausstehende Bundestagswahl 2017.

 

Der Begriff „Fake News“ wurde 2016 zum Anglizismus des Jahres gewählt. Begründung war unter anderem, dass die deutsche Übersetzung in „falsche Neuigkeiten“ nur unzureichend sei, da das englische „fake“ eine darüber hinausgehende Bedeutung habe, nämlich den der Täuschung. So sei ein „fake fur“ eben ein Imitat, der einen wirklichen Pelzmantel nachahme (auch wenn manche ihn vielleicht gerade aus diesem Grund kaufen).

 

Die Verbreitung von Fake News geschieht aus unterschiedlichen Motiven. Neben dem Zweck der politischen Beeinflussung spielen auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle. Für den amerikanischen Wahlkampf 2016 hatten Seitenbetreiber aus Mazedonien mit Falschmeldungen zum amerikanischen Wahlkampf tausende Dollars über Online-Werbung verdient. Der britische Autor J.J.Patrick stellt die Verbreitung von Fake News und politische Desinformationskampagnen in Zusammenhang mit dem „Cryptojacking“. Dabei wird durch die Installation von Apps oder bei dem Besuch von Webseiten die Rechenleistung des Nutzers „gekapert“, und dadurch Cryptowährung „geschürft“. Genaue Zahlen zu den Erträgen von „Fake News“ als ökonomischem Modell liegen nicht vor.

 

Die Verbindung von wirtschaftlichen Gewinnen mit Falschmeldungen zum Zwecke der Täuschung und politischer Beeinflussung wird nicht ohne Grund als Gefahr für demokratische Strukturen gesehen. Gleichzeitig wird der Begriff immer auch als Kampfbegriff eingesetzt.

 

Allerdings scheint es, dass intendierte und nicht intendierte Falschmeldungen, bzw. verfälschte Meldungen (dazu gehört auch Verzerrung, Übertreibung und die Fehlinterpretation von Daten) in ihrer Masse derzeit vor allem rechte Positionen stützen.

 

Die Journalistin Carolin Schwarz beschreibt eine Veränderung bei den „falschen Neuigkeiten“ zwischen 2015 und 2017. Während 2015/2016 vor allem Gerüchte über Flüchtlinge verbreitet worden seien, habe es während der Bundestagswahl 2017 einen Wechsel hin zu einer Erzählung gegeben, in der eine Elite die Zerstörung der Identität der Deutschen beabsichtige. Schwarz betreibt selbst die  Plattform Hoaxmap, bei der Gerüchte über angebliche Straftaten von Migranten, Flüchtlingen und „Nicht-Weißen“ entlarvt werden. „Die Hoaxmap hat das Ziel, ein Phänomen, nämlich die vielfache Verbreitung von Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Menschen, sichtbar zu machen.“

 

Im Zuge der Debatte über Fake-News wurden aber auch zahlreiche staatliche Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung ergriffen. Im Mittelpunkt der Debatte stehen dabei auch die sozialen Medien, die eine blitzschnelle Verbreitung solcher Nachrichten ermöglichen. Das Netzwerkdurchsuchungsgesetz verpflichtet die Netzwerkbetreiber zur Löschung von rechtswidrigen Inhalten. Einige Kritiker sehen die Betreiber auf dem Weg eines „vorauseilenden Gehorsams“ und darin eine Tendenz zur Zensur. Andere problematisieren das Delegieren der Rechtsprüfung an privatwirtschaftliche Akteure mit jeweils eigenen (kommerziellen) Interessen und monieren, dass die Entscheidung über konkrete Inhalte letztlich in den Händen eines konkreten „Conten-Managers“ liege und damit auch von dessen jeweiligen Wertvorstellungen beeinflusst werden könne.

 

 

Auch die Angst vor Einflussnahme ausländischer Akteure auf inländische Politik spielt bei der Debatte um Fake News eine nicht unwesentliche Rolle.

Mit Bezugnahme auf die Untersuchungen zur russischen Einmischung in den US-Wahlkampf wurde für die Bundestagswahl 2017 eine Beeinflussung (insbesondere durch Social-Bots) befürchtet. In einem Kommentar der New York Times Anfang September 2018 warnt Michael J. Abramowitz vor der zunehmenden Wahlbeeinflussung von Regierungsparteien durch Online-Manipulationen, beispielhaft nennt er die Philippinen, Ecuador, die Türkei und Kenia.

 

Der Vorwurf einer Beeinflussung des gesellschaftlichen Klimas in Deutschland durch Russland wird auch an der russischen Medienberichtserstattung festgemacht. Dabei erlangte insbesondere der „Fall Lisa“ Aufsehen, bei dem das russische Staatsfernsehen und der Auslandssender Russia Today das Gerücht verbreitet hatten, dass Flüchtlinge eine junge Frau entführt und vergewaltigt hätten. Die Nachricht führte zu Demonstrationen in Berlin und anderen Städten. Es stellte sich letztlich heraus, dass sie bei einer Freundin übernachtet hatte.

 

Auch nach der Tötung eines Mannes im Chemnitz kursierten zahlreiche Falschmeldungen. Die Falschmeldungen wurden sowohl von rechten Internetseiten, einzelnen Usern, aber auch von Medien wie der Bildzeitung verbreitet. So wurde behauptet, der getötete Mann habe Frauen vor sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge schützen wollen, und dass es mehrere Tote gegeben habe.

 

Fake News sind kein neues Phänomen. Auch nicht die Verbreitung von Gerüchten aus finanziellen Gründen oder mit politischen Absichten. Allerdings hat durch die Digitalisierung und soziale Netzwerke die Verbreitungsgeschwindigkeit zugenommen. Ein besonderes Augenmerk sollte jedoch auf die Nutzung der neuen Möglichkeiten durch rechte Akteure gelegt werden. Auch staatliche Interventionen sollten nicht einfach abgenickt, sondern in ihrem für und wider breit diskutiert werden. Bildungspolitische Aufklärung, die Einzelne dazu befähigen, den Wirklichkeitswert von Meldungen zu prüfen, wären wünschenswert. Bei der Verbreitung rechter Propaganda liegt jedoch die Annahme nahe, dass die Gerüchte auf fruchtbaren Boden fallen, bzw. der Wunsch einer kritischen Überprüfung nicht besteht.

 

 

 

 

„Falsche Neuigkeiten“ – Der Kampf um Fake News

Was ist hier los? I bims!

#ibims #vongsprache

„I bims!“ war ein Hype, wurde dann zwischenzeitlich als Werbungsslogan verwendet, und ist damit als Mode wohl endgültig durch?

Der jugendsprachliche Ausdruck wurde von Leuten in die Welt gesetzt, die eigentlich selbst nicht mehr ganz so jugendlich sind. Allen, die Schwierigkeiten haben den Akkusativ vom Dativ zu unterscheiden, kommt der Trend eher entgegen (n und m werden oft vertauscht).

Die „Bims“ und „Vong“ Jugendsprache orientiert sich stark daran, wie etwas klingt, ist lautmalerisch und legastheniker freundlich: Chance wird beispielsweise zur Chongse.
Der Ausdruck „Yolo“ (you only live once) gehört zwar nicht direkt zur Vong-Sprache, ist aber auch Teil der Jugendsprache. Ein Student in der Bahn erzählt von seinem ersten Fallschirmsprung „Ich hatte zwar Angst, aber Yolo!“. Dabei geht’s wohl darum, sich in eine riskante Lage zu bringen, die eventuell auch mit Angst oder Schmerzen verbunden sein könnte, die man aber hinnimmt, weil yolo!

Eigentlich ist die Lust daran Wörter zu biegen oder Varianten zu bekannten Wörtern zu erfinden allgemein verbreitet. Einfach, weil für den erlebten Zustand noch kein passender Ausdruck gefunden wurde. Also „Im Westen nichts Neues“.
Ein weiteres Erkennungszeichen der Vong-Sprache ist der Mix mit Anglizismen „Vong Nicigkeit her“(„nice“- Ausdruck der begeisternden Zustimmung). Ein Phänomen, dass auch schon seit Jahren gang und gäbe ist, ist es, deutsche Wörter englisch auszusprechen (Tasche wird zu Täsch; „Hast du Cash auf der Täsch?“ oder gämmeln anstatt von gammeln (chillen)).

Die Vong-Sprache als Mode

Sprachliche Neuerungen- vor allem, wenn sie so omnipräsent sind- rufen häufig selbsternannte Sprachschützer auf den Plan. Das mag auch damit zu tun haben, dass die Sicht- und Hörbarkeit der Jungen bei den Alten Ängste hervorruft. Ein bisschen ergeht es ihnen dann wohl wie der bösen Stiefmutter in Schneewittchen. Die Jungen führen den Alten die eigene Endlichkeit, oder die Position in der Generationenfolge vor Augen. Die Neuen, bzw. die Jungen stehen bereits in den Startlöchern und erheben Anspruch auf ihren Platz in der Welt, und dabei könnte auch der eigene Sessel ins Wanken geraten.

Die deutsche Sprache kann wohl kaum als immer gleichbleibende Einheit angesehen werden. Sie ist vielleicht sogar eine der wirrsten Sprachen überhaupt. Über die Jahrhunderte wurden beispielsweise Wörter aus dem englischen, schwedischen, französischen, türkischen, ungarischen und jiddischen in sie aufgenommen.
Das Jiddische ist aus bekannten Gründen heute in Deutschland beinahe ausgestorben, dennoch finden sich Reste: „Bist du meschugge“, „Der hat seine ganze Mischpoke mitgebracht“ , „einseifen“, „abzocken“.

Sprache vong zeitlichen Ablauf her

Im 17. und 18. Jahrhundert löste das Französische das Italienische als Hofsprache in Europa ab. Den Hype löste übrigens Louis XIV aus. Der Sonnenkönig erschien dem europäischen Adel wohl als trés chic, so dass sie nicht nur sprechen wollten wie die Franzosen, es finden sich auch zahlreiche Schlösser die von Versailles inspiriert sind. Auf jeden Fall sind doch einige Wörter hängen geblieben: Portemonnaie, Trottoir, Negligé, Dekolleté…

Heute wie damals sind bei der Frage was zur Mode wird eben auch Promis entscheidend.

Der Ursprung von I bims

Bei den Promis muss wohl zuerst der österreichische Rapper Money Boy genannt werden. Der Ausdruck „I bims“ geht auf ihn zurück. Von ihm stammen auch die Formulierungen von…her und das ersetzen der Wörter eine/einer/eines durch „1“.
Zum Beispiel: „Ich bin müde von Party her“, oder, „Ich habe 1 Katze“.

Ein weiterer Protagonist, der für die Entwicklung der Vong-Sprache wichtig war, nennt sich Willy Nachdenklich. Er wurde auch schon als ihr Erfinder bezeichnet. Dabei bediente sich Nachdenklich bei Money Boy. Aus dem von…her des Österreichers wurde vong…her. Im Großen und Ganzen ist die Jugendsprache, wie vielleicht Sprache überhaupt, ein Community-Ding, Wörter werden „gespreadet“, also verbreitet und aufgegriffen. Im Prinzip steht es jedem frei die Liste beliebig zu ergänzen, auch wenn nicht gesagt ist, dass jeder damit einen Vong-Treffer landet.

Jugendwort des Jahres 2017

„I bims“ wurde 2017 zum Jugendwort des Jahres gewählt. Die Kür findet seit 2008 im Netz statt, dabei werden Vorschläge eingereicht über die dann eine Jury entscheidet. Gleich im ersten Jahr wurde übrigens bereits gegen die ältere Generation geschossen, Ü-30 Partys wurden als „Gammelfleischpartys“ bezeichnet. Nett geht anders… Auch das Jugendwort des folgenden Jahres („hartzen“ für rumhängen) sprach nicht unbedingt für ethisches Feingefühl.
Es folgten jeweils auf den ersten Plätzen: „Niveaulimbo“ für ein sinkendes Gesprächsniveau, „Swag“ für eine coole Ausstrahlung, „Yolo“, „Babo“ für Chef oder Anführer, „Läuft bei dir“ für „Du hast es drauf“, „Swombie“, als Beschreibung für alle Smartphoneabhängigen (Zusammengesetzt aus Smartphone und Zombie), „fly sein“ dafür, dass jemand „voll abgeht“. Die Kette endet vorerst mit „I bims“ von 2017, auf Platz 2. landete übrigens napflixen (zusammengesetzt aus „to nap“= ein Nickerchen machen und Netflix= also Serien auf Netflix schauen).

Aber, hatten wir nicht alle mal unseren eigenen Slang, vong Jugend her?

Was ist hier los? I bims!

Church of Hate

 

 

Für alle Gefühle die privat nicht mehr untergebracht werden (können), gibt es Räume: Wer keinen Partner hat und dennoch Sexualität zu zweit haben möchte, kann ein erotisches Etablissement aufsuchen, bei Angst und Sorge geht man in die Kirche oder zum Psychologen. Aber was ist eigentlich mit denen, die hassen. Wer selbst unter seinem Hass leidet, legt sich vielleicht ebenfalls auf die Couch. Aber anscheinend gibt es auch Andere, die, die mal so richtig „abhassen“ wollen.

Auf einer Pegida-Demonstrantion Ende Juni brüllten die Teilnehmer „absaufen, absaufen“. Ihr Hass war einerseits gegen die Geflüchteten gerichtet, die aus Afrika über das Mittelmeer kommen, aber auch gegen Organisationen die in privater Seenotrettung die Schiffbrüchigen aufnehmen und nach Europa in Sicherheit bringen.

Während Wut eher eine Reaktion auf ein konkretes Ereignis und eher ein temporärer Zustand, ist der Hass eine Feindschaft auf lange Sicht. Oder, wie Meister Yoda sagen würde „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Von daher wäre es vielleicht angebracht die Pegedianer als „Hass-Bürger“ zu bezeichnen. Da der Bezeichnung „Wut-Bürger“ doch beinahe etwas liebevolles anhaftet.

Auch in Internetforen und sozialen Netzwerken spuckt der Hass seinen giftigen Saft. Jeder kann sich sein Objekt frei auswählen.

Sigmund Freud hat in seinem Werk „Das Unbehagen in der Kultur“ beschrieben, dass die moderne Gesellschaft dem Einzelnen zahlreiche Verzichte und Beschränkungen auferlegt. Der zivilisierte Umgang mit dem Unmut der daraus entstehen kann ist, eine Wendung der Aggression nach innen, die allerdings auch zu psychischen Erkrankungen führen kann.

Betrachtet man den Unmut von einem politischen Standpunkt aus, stellt sich die Frage, welche Umstände die das Individuum beschränken und frustrieren notwendig sind und für welche eine Veränderung angestrebt werden kann. Fragen, die auch öffentlich verhandelt werden.

Im Gegensatz zu der von Freud konstatierten Umgangsweise des nach-Innen-wendens, sind die Pegida-Demonstrationen nach außen gekehrte Unmutsveranstaltungen. Allerdings wird als Ursache des Unmuts und als Zielscheibe des Hasses eine Minderheit gesucht: „Die Flüchtlinge“. Der Unmut wird personalisiert und irrational.

Hinzu kommt, dass der öffentlich herausgebrüllte und personalisierte Hass Folgen hat (insbesondere, wenn er in den Institutionen auf „Verständnis“ stößt und gefördert wird). Seit 2015 sind rechtsextreme Straftaten angestiegen. Meldungen über Angriffe auf Migranten im Alltag häufen sich: Im Mai wird eine Frau mit Kopftuch in Berlin-Spandau wegen ihres Kopftuches geschlagen, im Juli schießt ein Mann in Untermaßfeld auf eine Gruppe Jugendlicher Geflüchtete.

In einem Lied von DÖF (Deutsch-Österreichisches-Feingefühl) von 1983 heißt es, „Hässlich, ich bin so hässlich, so grässlich hässlich, ich bin der Hass“. In dem NDW-Song wird der Kampf zwischen Liebe und Haß dargestellt. Am Ende landet auf der haßgeplagten Erde ein Raumschiff „und bringt die Liebe mit“. Also – einfach ein paar Außerirdische mit Liebesbotschaft nach Dresden schicken? …Aber wahrscheinlich müsste man dann um Leib und Leben der Hippie-Alliens fürchten.

Christoph Schlingensief reagierte mit seiner Aktion „Church of Fear“ 2003 auf den Terrordiskurs und die (auch von Staaten) angeheizte Angst vor Terroranschlägen. Die Kirche hielt er ebenfalls für eine angstverbreitende Institution. Mit der „Church of Fear“ schuf er einen Raum in dem die Angst gefeiert wurde. Allerdings lässt sich diese Idee wohl nicht einfach ummünzen. Während Angst eher zu Innehalten und Selbstreflektion führt, drängen Hass und Wut auf Aktion.

Dennoch. Wäre es nicht denkbar Hass-Räume für die Hassenden zu schaffen? Dabei würden sich dann allerdings noch einige ganz konkrete Fragen anschließen: Wen hassen die Hassenden? Das Hass-Personal? Sich gegenseitig?

Eine Frage ist zumindest geklärt, der erste Hass-Entsorgungs-Raum sollte dann wohl in Dresden eingerichtet werden.

 

Church of Hate