Herr Adorno und sein Rehbraten

 

 

Die CSU, Seehofer und das Heimatmuseum

 

 

Wenn der Begriff Heimat fällt, denken die meisten wohl an einen Männergesangsverein, Alpenveilchen, Horst Seehofer oder an die Afd. Wobei das Alpenveilchen in dieser Reihung wohl noch die angenehmste Assoziation ist.

 

Theodor W. Adorno soll während seiner Zeit im Exil auf die Frage danach, was er am meisten an seiner Heimat vermisse, geantwortet haben: Rehbraten mit Wacholderbeeren, dunkles Brot und einen richtigen Winter. Eine durchaus nachvollziehbare Antwort. Insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass Adorno und die übrigen Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, in Kalifornien gelandet waren, wo das ganze Jahr über eine Temperatur von 23 Grad herrscht.

 

Von der AFD und der CSU wird der Heimatbegriff derzeit in Anschlag gebracht, um Andere, insbesondere muslimische Flüchtlinge und Migranten, auszugrenzen. Durch deren Zuwanderung gehe die vielbeschworene Heimat verloren. Dass durch die Anwesenheit „Fremder“ Heimat nicht mehr Heimat sei, ist sowohl eine steile These, als auch eine widerwärtige und unsinnige Behauptung. Dass Geflüchtete und Migranten als Bedrohung ausgemacht werden, nimmt sprachlich die Gewalt der Neonazis vorweg.

 

Heimat ist sowohl eine politischer, als auch eine sinnlicher Begriff. So wurde er schon im 19. Jahrhundert von der politischen rechten aggressiv in Anschlag gebracht. Nationalismus und Nationalstaatsbildung gingen dabei einher mit der Überhöhung der eigenen Heimat (oder Kultur) und der Abwertung der jeweils Anderen. Als Kampfbegriff zielte er schon damals auf den öffentlichen Raum ab.

 

Als sinnlichen Aspekt kann man vielleicht das beschreiben, was man bei der Rückkehr von einer Reise wahrnimmt. Das vertraute Klima, die Geräuschkulisse, die Sprache und Ähnliches.

 

Wenn ich nach Frankfurt zurückkomme, gehören dazu aber auch die türkischen Gemüsegeschäfte auf der Münchnerstraße (wo es nicht nur Rosenkohl und Kohlrabi gibt), der afrikanische Schuhverkäufer auf dem Flohmarkt mit seinen Rufen „Schuh for You, heute steuerfrei“, und eben nicht zwingend der Tante-Emma-Laden aus der Vergangenheit, den ich selbst kaum mehr mitbekommen habe. Die „Heimatbewahrer“ wünschen einen Stillstand der weder möglich, noch wünschenswert ist. Die Projektion eines (vorgestellten) guten Zustandes in die Vergangenheit soll in der Gegenwart reanimiert werden. Das vielleicht hervorstechende Merkmal in dieser Verwendung des Heimatbegriffs ist die Konstruktion von Kollektiven, die sich feindlich oder rivalisierend gegenüberstehen.

 

Dass ein Wiedersehen mit der „Heimat“ paradox verlaufen kann, schilderte Hannah Arendt. Die ebenfalls ins Exil geflüchtete Philosophin beschrieb bei ihrem ersten Besuch in Deutschland nach dem Krieg eine Szene bei der Ankunft im Hamburger Hafen.

Ein Zollbeamter habe die Ankommenden in deutscher Beamtenmanier zu Recht gewiesen: „Nun stellen Sie sich mal ordentlich an!“. Das habe in ihr ein Gefühl der Rührung ausgelöst.

 

Auf die Frage welches Ministerium er leite, antwortete Horst Seehofer, dass er für das „Heimatmuseum“ zuständig sei. Ein freudscher Versprecher par excellance. Bis heute sind die Aufgaben seines Ministeriums nicht definiert. Seehofer hat mit seinem Ausspruch, „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, als Antwort auf eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, Ängste und Abwehrreflexe gegenüber Muslimen geschürt. Wie schon von anderen festgestellt wurde, würde, wenn mit Deutschland der Staat gemeint sein sollte, auch das Christentum nicht zu Deutschland gehören – Die BRD ist schließlich ein säkularer Staat; dass Christen und Muslime in Deutschland zu Hause sind, ist ein Fakt, an dem auch das Heimatmuseum nichts wird ändern können.

 

Als Betätigungsfeld für das Heimatministerium bliebe vielleicht die Frage zu beantworten, ob Bayern denn zu Deutschland gehöre…

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Herr Adorno und sein Rehbraten

4 x Marx

Diskussion zum 200. Geburtstag von Karl Marx in der evangelischen Akademie

Bei der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Evangelischen Akademie unter dem Titel „Karl Marx – Impulsgeber oder Auslaufmodell“ stießen bei den vier Podiumsgästen unterschiedliche Marx-Interpretationen aufeinander. Dabei wurde vor allem eines deutlich – dass Marx sehr unterschiedlich gelesen werden kann.

Bei der Frage nach dem persönlichen Bezug zum Werk von Karl Marx beschreibt Sonja Buckel (Professorin für politische Theorie an der Universität Kassel), dass ihr das Verständnis von Marx-Texten auf Anhieb recht leicht gefallen sei. Auch wenn sie vorher befürchtet habe, die Texte nicht zu verstehen. Diesen unmittelbaren Zugang erklärt sie sich damit, dass sie selbst aus einer Arbeiterfamilie komme, und sich in den Texten sofort habe wiedererkennen können.

Rainer Forst (Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Universität Frankfurt) hatte seinen ersten Marx-Kontakt im Kontext der Friedens- und Umweltbewegung in den 70er und 80er Jahren. Dort hätten sie schnell begriffen, dass die ökonomischen und politischen Probleme der Zeit global betrachtet werden müssten. Die Frage bei der politischen Analyse sei eher gewesen, wie viel Marx man brauche, dass man ihn braucht sei klar gewesen.

Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann hatte ihre erste Begegnung mit marxistischer Theorie in einem Marx-Seminar in Berlin. Sie sei auch auf einer ästhetischen Ebene begeistert gewesen, von der Brillanz und der Gedankenschärfe der Texte.

Die einstige Kandidatin für das Amt als Bundespräsidentin, heute Präsidentin der Humboldt-Viadrina Governance Platform Gesine Schwan, teilt einerseits die Begeisterung, bemerkt aber auch, dass der autoritäre Duktus sofort ihren Widerspruchsgeist geweckt habe.

Die vom ZDF-Moderator Ralph Szepanski moderierte Diskussion forderte die Podiumsmitglieder auf, Thesen zum Thema zu formulieren.

Sonja Buckel brachte die These vor, dass, solange die kapitalistische Vergesellschaftung noch bestehe, Marx’ Theorie als Analyseinstrument für Strukturen und Praxen weiterhin von Bedeutung sei.

Der Begriff der kapitalistischen Vergesellschaftung (bei Marx wird meistens der Begriff kapitalistische Produktionsweise benutzt) entspringe einer Frankfurter Lesart, die sich gegen eine ökonomistische Lesart von Marx wende. Die Überwindung oder Veränderung der kapitalistischen Vergesellschaftung sei natürlich notwendig, insbesondere in Anbetracht der derzeitigen Verhältnisse, bei denen man das Gefühl habe „Die Welt geht unter“.

Herrmann widerspricht, dass die Marxistische Theorie auf jeden Fall eine ökonomische Theorie sei.

Gesine Schwan weist darauf hin, dass Marx den ökonomischen Begriff der Produktion doch sehr weit gefasst habe. Er habe sich grundsätzlich durch ein nicht-sektorales Denken ausgezeichnet und die Bereiche Ökonomie, Politik, Kultur und Gesellschaft zusammen gedacht. Die Produktion sei für ihn nicht ein Sektor gewesen, sondern der zentrale Konstitutionszusammenhang. Am Otto-Suhr-Institut hätten sie einmal diskutiert, ob etwa das Träumen auch noch Teil der Produktion sei, so umfassend sei der Begriff bei Marx.

Rainer Forst proklamiert, dass der Kapitalismus allgemein betrachtet nicht nur in westlichen Gesellschaften zu einem Wohlstand geführt hätte, den Marx sich wohl kaum habe vorstellen können. Durch den Wohlstand für große Bevölkerungsteile (der auch durch SPD und Gewerkschaften erkämpft wurde) habe sich der Kapitalismus stabilisiert. Wenn man sich jedoch ansehe, wer an den globale Produktionsketten wie viel verdiene, sei klar, dass Ausbeutungsverhältnisse vorlägen. Aber auch hier gelte, dass Ausbeutungsverhältnisse nicht nur durch „falsches Bewusstsein“ sondern auch durch soziale Zugeständnisse und Wohlstandsgewinne stabilisiert würden. Er halte die marxistische Theorie zwar für eine ökonomische Theorie, sie beschreibe jedoch auch die Vergesellschaftung des Menschen.

Ralph Szepanski wirft einige Zahlen zur Ungleichverteilung von Vermögen ein: 8 Männer würden mehr Vermögen besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung und 1/10 der Weltbevölkerung würden 89% allen Vermögens besitzen.

Sonja Buckel weist darauf hin, dass Konzentration von Vermögen und Ungleichverteilung eben kein „Fehler im System“ seien, sondern kapitalismustheoretisch eine zwangsläufige Entwicklung. Dies sei darüber hinaus auch demokratietheoretisch ein großes Problem, da den Vermögenden mehr Ressourcen zur Verfügung stünden, um auf demokratische Prozesse Einfluss zu nehmen. Demokratie und Kapitalismus stünden so in einem dialektischen Spannungsverhältnis. Die Produktion sei ja in der Demokratie explizit von demokratischen Entscheidungsprozessen ausgenommen. So schreibe Marx im 18. Brumaire, dass sich die Arbeiter auf der Grundlage der politischen Demokratie die Frage gestellt hätten, wie es sein könne, dass in den Fabriken die Diktatur herrsche.

Gesine Schwan streicht jedoch den Unterschied zwischen der Produktion im Kapitalismus und der im Faschismus heraus, so gebe es im Faschismus keine betriebliche Mitbestimmung. Sie gibt zu Bedenken, dass die Zusammenlegung von Politik und Ökonomie im Stalinismus zu Unterdrückung geführt habe.

Karl Marx sei neben Adam Smith und John Maynard Keynes einer der wichtigsten Ökonomen aller Zeiten gewesen, sagt Ulrike Herrmann.

Seine drei wichtigsten Entdeckungen seien:

Erstens, dass der Kapitalismus ein Prozess sei, d.h. es gehe nicht um das Sammeln von Vermögen, sondern um Investition und permanente Verwertung. Nur wer investiere werde reich, reines Horten führe nicht zur Vermehrung. Zweitens habe Marx auch die zentrale Rolle der Technik in dem permanenten Verwertungsprozess erkannt. Und drittens habe er den Konzentrationsprozess beschrieben, bei dem auch die Technik eine Rolle spiele. Die Verdrängung gehe nach Marx wie folgt vor sich: Alle Unternehmen investieren in Technik, um immer mehr und immer billiger zu produzieren, irgendwann sei jedoch der Markt mir der Ware gesättigt. Dann setzte der Verdrängungswettbewerb ein, „Die Großen fressen die Kleinen“.Dies lasse sich auch mit heutigen Zahlen belegen 1% der Firmen in Deutschland würden 68% des Umsatzes kontrollieren. Marx habe jedoch keine Geldtheorie entwickelt, die habe es erst bei Keynes im 20. Jahrhundert gegeben.

Gesine Schwan kritisiert, dass bei Marx ein organizistisches Denken vorherrsche, in dem letztlich Menschen keine Rolle mehr spielen würden, sondern der Kapitalismus als ein System erscheine, das sich selbst ausführe. Sie bezweifle auch, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus automatisch zur Freiheit führe, es könne ebenso eine Diktatur entstehen. In China sehe man, wie eine Kumulation von wirtschaftlicher und politischer Macht alle Freiheitsräume zerstöre Sie sei Reformistin und suche einen Weg der Weiterentwicklung innerhalb des Kapitalismus. Derzeit sei beispielsweise das Modell von Genossenschaften neu belebt, was vor Jahren noch totgesagt wurde.

Der Moderator Ralph Szepanski stellt die Frage, warum die Ungleichverteilung von Vermögen nicht dazu führe, dass rot-grün mehr Stimmen erhalte, sondern dazu das rechte Parteien gewählt würden.

Rainer Forst sieht die Ursache darin, dass keine großen Alternativprojekte proklamiert würden. Aus der Sicht der Bevölkerung bringe transnationale Politik nichts, und progressive nationale Politik gehe nur mit kleinen Schritten vorwärts. Wenn von den linken Parteien keine progressiven transnationalen Projekte entwickelt würden, würden die nationalistischen Tendenzen überwiegen und die Kritik an der Ungleichverteilung würde sich weiterhin mit dem Hass auf das Nichtidentische verbinden.

Gesine Schwan weist darauf hin, dass die neoliberale Politik Verwüstungen in den westlichen Gesellschaften angerichtet habe. Eine Verschlechterung der persönlichen Situation von Menschen führe eben zu Hass, nicht zu Solidarität. Genau die müsse man aber versuchen wieder herzustellen. Die Neoliberale Politik würde sich durchpauken, daran hätten sich auch Sozialdemokraten wie Peer Steinbrück beteiligt. Auch kulturell würde versucht eine möglichst breite Zustimmung zur Poltitik des Neoliberalismus zu erreichen, beispielsweise mit Projekten wie der „Neue(n) Sozialen Marktwirtschaft“. Der Begriff der Reform würde dabei zynisch in sein Gegenteil verkehrt.

Sonja Buckel schließt daran die konkrete Forderung an, dass sich die Sozialdemokratie unbedingt von der Agenda 2010 und der Privatisierung von öffentlicher und sozialer Infrastruktur (Krankenhäuser, Wasserwerke etc.) abwenden müsse. Die Rentensituation sei eine Katastrophe und spätestens in 20-30 Jahren sei mit einer massiven Verarmung zu rechnen.

Die Kritik an Marx, dass er ausschließlich eine systemische Perspektive habe, halte sie für falsch, der zentrale Begriff bei Marx sei für sie der der Praxis. Es gäbe ein dialektisches Verhältnis zwischen Struktur und Handeln. Die Strukturen würden durch Handlungen, d.h. Praxis ja erst entstehen und seien so auch veränderbar. Marx unmittelbar auf das Heute anzuwenden, halte sie jedoch eher für misslungen, besser sei es, auf neuere Theorien zurückzugreifen, die auf ihn aufbauen.

Der Marxismus ist für Rainer Forst ein singuläres Phänomen das eine fast weltumspannende soziale Bewegung ins Leben gerufen habe. Der Marxismus habe auf der Grundlage einer Analyse der Strukturen, gegen diese Strukturen aufbegehrt. Darüber hinaus habe der Marxismus den Diskussions- und Kritikmodus auf ein neues Niveau gehoben, so dass man heute immer mitdenken müsse, in welchen ökonomischen, historischen und kulturellen Kontexten die eigene Kritik verortet ist.

In der Diskussion, ob nun die Praxis oder das Systemische das Wesentliche in der marxistischen Theorie seien, äußert Gesine Schwan auch an der Fortschrittlichkeit des Marxschen Praxisbegriffes Zweifel. In dem Text „Pariser Commune“ werde von einem singulären Subjekt und nicht von einem Pluralen ausgegangen. Das heiße, dass das Proletariat als ein einheitliches Subjekt mit einem einheitlichen Handeln betrachtet würde. Sie könne sich nicht erinnern, dass das Proletariat als ein Plurales mit unterschiedliche Positionen und unterschiedlichen Praxen betrachtet werde.

Ulrike Herrmann weist darauf hin, dass in der Anwendung des Begriffs der Ausbeutung heute eine Verdrehung stattfinden würde. Eine Verdrehung die typisch für nationalistisches Denken sei. Flüchtlinge würden als „wahre Ausbeuter“ ausgedeutet (wie vormalig Arbeitslose). Damit sei Ausbeutung nicht mehr als ein Problem zwischen Arm und Reich, sondern als ein Problem der Armen ausgemacht. Das habe allerdings zur Konsequenz, dass man politisch gar nicht mehr handlungsfähig sei.

Über eines schien jedoch schienen sich die Diskutierenden am Ende jedoch einig zu sein, dass Marx’ Werk weiterhin große Bedeutung habe. Die gestellte Frage nach dem Auslaufmodell wurde somit wohl eindeutig mit Nein beurteilt. Der Begriff des Impulsgebers wurde jedoch auch eher kritisch gesehen, auch, weil die marxsche Theorie der historischen Kontextualisierung und der Weiterentwicklung bedürfe.

Zum Teil blieb in der Diskussion unklar, wo die These der Diskutanten endete, und wo eine eher offene Diskussions- und Fragerunde begann. Allerdings zeigte sich in der Diskussion ein breites Spektrum an Gedanken, Lesarten und Haltungen zur marxschen Theorie. Der Bezug zur gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Lage wurde dabei immer wieder hergestellt.

Link zur Aufzeichnung des Livestreams: https://www.facebook.com/FESHessen/videos/2024066897607734/

4 x Marx

„Zeitkrümmungen“

Eigentlich wäre der türkische Titel passender gewesen, sagt der Autor Doğan Akhanlı am Mittwochabend bei der Vorstellung seines neuen Buches im KOZ (Kommunikationszentrum). Und damit hat er sicher Recht. In Deutschland ist das Buch unter dem Titel „Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?“ erschienen.

Der Titel „Zeitkrümmung“ dagegen, beschreibt die konkrete Erfahrung der Inhaftierung: Zum einen der Verlust jeglichen Zeitgefühls, zum anderen das Präsentwerden der Vergangenheit in der Zelle. Eines wird an dem Abend ziemlich schnell klar, Akhanlı ist ein verdammt guter Erzähler.

Großes Medieninteresse löste der skandalöse Fall seiner Verhaftung in Granada im August 2017 aus. Der türkische Staat hatte über Interpol einen internationalen Suchauftrag („red Notice“) herausgegeben, und ihn als Terroristen diffamiert. Doğan Akhanlı beschreibt, wie er im Urlaub arglos die Hotelzimmertür öffnete, und von Polizisten in schusssicheren Westen nach seinem Ausweis gefragt wurde. Sie schienen bei seinem Anblick ebenso verblüfft, wie er bei Ihrem. Akhanlı wird inhaftiert. In Spanien war Akhanlı „nur“ vom 19.- 20. August inhaftiert, aber objektive Zeit und subjektives Zeitempfinden driften bei solchen Erlebnissen auseinander und der Schock saß tief, auch das wird in seinen Beschreibungen deutlich. Die Ausreise aus Spanien wurde Akhanlı erst im Oktober 2017 gestattet.

Der Schriftsteller war insgesamt drei Mal inhaftiert, zuletzt in Granada, davor über erheblich längere Zeiträume in der Türkei. Das Präsentwerden der Vergangenheit teilt er an dem Abend mit zahlreichen Zuhörern. Der Raum ist bis zum letzten Platz gefüllt.

Bei den vorgetragenen Abschnitten wechseln sich Augenblicksaufnahmen aus dem Istanbuler Gefängnis, oder der Festnahme in Granada, mit entfernteren Rückblenden ab.

Aufgewachsen ist Akhanlı in einem Dorf in der Türkei, an der Grenze zu Georgien, scheinbar am Ende der Welt. Es habe weder Polizisten noch Richter gegeben, nur ab und zu seien Soldaten vorbeigekommen, auf der Suche nach neuen Rekruten. Viele Geschichten erscheinen eher als Metaphern, beispielsweise als er beschreibt, wie den Dorfbewohnern ein Wolf in die Falle geht. Akhanlıs Mutter weigert sich an dem Spektakel mit dem gefangenen Tier teilzunehmen, der erste Fotoapparat des Dorfes wird eingesetzt. Die Familienbeschreibungen drehen sich auch intensiv um die Liebe zur Literatur. Der Bruder verkauft ein Erbstück, um sich Taschenbücher leisten zu können, Bücher werden von der Familie „gemeinsam“ gelesen, etc. Seine schönsten Erinnerungen an seine Mutter seien auch die, in denen sie ein Buch in der Hand halte. Das Lesen habe ihn gerüstet, für die Welt. Als er in die Großstädte kam, seien ihn andere „Welten“ gar nicht fremd gewesen. Er habe sie ja schon gekannt, aus den Büchern!

Im Publikumsgespräch möchte Akhanlı auf die im Titel des Buches gestellte Frage, keine direkte Antwort geben. Er sei weder Historiker noch Soziologe, er sei Schriftsteller. Jedoch halte er die Regierung Erdogan durchaus für faschistisch.

Als das Gespräch auf den aktuellen Kriegseinsatz der türkischen Regierung in Nordsyrien kommt, zeigt sich Akhanlı verwundert, für die Freilassung von ihm, Deniz Yücel, und Meşale Tolu habe es große Solidaritätskampagnen gegeben, dafür dass Erdogan gerade einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen habe, sei es erstaunlich still!

Noch vor dem Ende des Abends sind alle Bücher ausverkauft.

„Zeitkrümmungen“

Ein Hohelied auf die Pressefreiheit

#dieverlegerin

 

 

Der neue Film von Steven Spielberg, „die Verlegerin“, beschreibt den Konflikt um die Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papiere. Die Papiere bestanden aus einer vom Staat beauftragten Untersuchung des Vietnamkriegs und den vorhergehenden Interventionen der US-Regierung in Französisch-Indochina. Sie legten offen, dass über zwei Jahrzehnte (während der Amtperioden von Truman, Eisenhower, Kennedy und Nixon), eine gezielte Desinformation der amerikanischen Öffentlichkeit durch die jeweiligen Regierungen betrieben worden war: Dies betraf zum einen die Beteiligung der USA an beiden Indochinakriegen, zum anderen aber die Tatsache, dass sich die Regierung sehr früh darüber im Klaren war, dass der 2. Indochinakrieg (Vietnamkrieg) nicht zu gewinnen war. In öffentlichen Verlautbarungen wurden jedoch von Regierungsseite weiterhin Durchhalteparolen ausgegeben, und ein Sieg in Aussicht gestellt.

 

Gleichzeitig wird die Geschichte der Zeitungsverlegerin der Washington Post, Kay Graham, verhandelt. Kay Graham (Meryl Streep) ist in der Männerdomäne der Zeitungsredaktion ständigen Angriffen ausgesetzt. Durch die sexistischen Strukturen, ist sie, allein auf Grund ihres Geschlechts, mit der fortwährenden Beschuldigung der Inkompetenz konfrontiert.

Die Filmhandlung spielt zu Beginn der 70er Jahre, amtierender Präsident ist Richard Nixon. In der amerikanischen Gesellschaft sind die Geschlechterverhältnisse noch weitgehend vom herkömmlichen Geschlechtermodell bestimmt: Der Mann geht arbeiten und die Frau bleibt zuhause.

Auch in der Freizeit, beim geselligen Beisammensein, wird die Trennung der Sphären weitgehend vollzogen. Die Damen verlassen das Zimmer, sobald sich die Männer Whisky, Zigaretten und Politik zuwenden. Die Verlegerin und eine Handvoll Journalistinnen sind dabei die Ausnahmen, da sie in beiden Sphären agieren. Die Darstellung des Films macht die gesellschaftliche Beziehung der Geschlechter durch eben solche „Gesellschaftsszenen“ recht anschaulich.

Spielsbergs Film ist bei der Darstellung des Arbeitsalltags in den Zeitungshäusern aber auch ein Ausflug in eine vergangene technische Ära: Schreibmaschinen, Rohrpost und ältere Druckverfahren. Die Filmszenen, die diese technischen Prozesse zeigen, beispielsweise die Arbeit des Zeitungssetzers und die Sequenzen, in denen die Druckerzeugnisse an vertikalen Fließbändern „entlangfließen“, sind durchaus ein ästhetischer Genuss.

Mit dem Entschluss von Kay Graham, die Pentagon-Papiere in der Washington Post zu veröffentlichen, ging sie nicht nur das Risiko der Strafverfolgung ein, sondern setzte sich auch der Gefahr des Verlusts des von ihr geleiteten Familienunternehmens aus.

Letztlich gibt es jedoch ein Happy End, in der Begründung der Gerichtsentscheidung dazu heißt es: Die Presse habe die Aufgabe den Regierten zu dienen, nicht den Regierenden.

Insgesamt ist der Film sehr sehenswert, weil es ihm gelingt, eine historische Situation in das Gedächtnis der Zuschauer zu rufen. Er dient offensichtlich auch als Mahnung dafür, welch hohes Gut die Pressefreiheit ist. Der Film schlägt bisweilen pathetische Töne an, aber das schadet ihm kaum. Die Protagonistinnen bewegen sich weitgehend in der Oberschicht, oder der oberen Mittelschicht. Dies wird aber auch im Film kritisch beleuchtet. Die Verlegerin muss sich von den durch private Kontakte enstandenen engen Bindungen zu Politikern distanzieren, um dem höheren Ziel, der Information der Öffentlichkeit, gerecht zu werden.

Ein Hohelied auf die Pressefreiheit

Auf einen Tee mit den Waldbesetzern

Der Fußweg zum Waldcamp ist nicht ganz ungefährlich: Vom Bahnhof Zeppelinheim aus geht es erst ein Stück die Bundesstraße entlang, dann muss ein Autobahnzubringer überquert werden und zuletzt geht es noch ein Stück durch den Wald (oder dem, was davon übrig ist).

Im Treburer Wald wurden schon viele der älteren Bäume umgeschlagen. Wir laufen vorbei an Baumstümpfen und Baumstämmen die für den Abtransport aufgestapelt wurden. Der Aktivist Herrmann* berichtet mir später, dass es bei den Gemeinden üblich sei, vor der Übergabe an die Fraport, wertvolle Buchen und Eichen zu fällen. Das soll Geld in die Gemeindekassen spülen.

Waldbesetzer Trebur4

Jeden Sonntag laden die Waldbesetzer des Treburer Waldes die Öffentlichkeit zum Besuch des Camps ein. Es gibt Tee und Kuchen und manchmal werden auch Freizeitaktivitäten angeboten.

Wiki, ein junger Mann um die 20 mit Glitzernagellack, erzählt, dass sie beispielsweise „Schnupperklettern“ für Kinder angeboten hätten. Wiki heißt auf hawaiianisch übrigens „schnell“. Eine junge Frau nennt sich Yuki, das bedeute Schnee und den habe es in diesem Jahr schließlich kaum gegeben. Im Camp tragen alle Tarnnamen, die Besetzer sind von der Gemeinde Trebur nur geduldet, und die Staatsgewalt scheint sich auch öfter zu zeigen. Die Besucher bestehen an diesem Sonntag vor allem aus Mitgliedern von Bürgerinitiativen, aus Umweltaktivisten und Nachbarn aus den umliegenden Gemeinden. Wiki erzählt, dass das Camp auch durch die Spenden der regelmäßigen Besucher bestehen könne: „Die fragen, was wir brauchen, und bringen auch Wasser vorbei“. Dann wird er etwas ärgerlich: Es sei in der Presse häufig geschrieben worden, sie gehörten zu einer Organisation, das würde aber nicht stimmen, sie seien alle unabhängige Aktivisten, die sich für den Schutz der Bäume und für Klimagerechtigkeit engagieren, auch wenn Organisationen wie Robin Wood mit Ihnen solidarisch seien.

Waldbesetzer Trebur1

Bereits 2014 und 2015 gab es Besetzungen im Treburer Wald. Ein Vertreter der „Interessengruppe zur Bekämpfung des Fluglärms“ berichtet über den Anlass für die erneute Besetzung. Im Januar wurde bekannt, dass Fraport und die Gemeinde Trebur in Verhandlungen über den Verkauf des Waldes getreten seien. Bis zur letzten Wahl hätten die Gegner des Verkaufs die Mehrheit in der Gemeindevertretung von Trebur gehabt, das habe sich nun geändert. Darüber hinaus gebe es für Fraport auch die Möglichkeit der Enteignung, dabei würde aber für die Gemeinde die Gefahr bestehen, wesentlich weniger Geld einzunehmen.

All das macht eine Zustimmung der Gemeinde zum Verkauf wahrscheinlich. Die Abholzung der ca. 6 Hektar des Treburer Waldes soll Platz schaffen für einen Autobahnzubringer zu dem geplanten Terminal 3. Laut dem Vertreter der Interessengruppe gehe es in der nächsten Bauphase erstmal um den Bau des „Flugsteigs G“, einem „Flugsteig für Billigflieger“.

Für die nächsten Monate haben die Baumschützer jedoch voraussichtlich ihre Ruhe, da in der Vegetationsphase, die Anfang März beginnt und Ende September endet, Rodungen verboten sind. Wiki betont jedoch „Es sind die ganze Zeit Menschen hier, die auf den Wald aufpassen“.

Auf dem Rückweg erzählt mir der Besucher Hans*, dass er es schade findet, dass das Thema „Flughafen“ nicht umfassender betrachtet wird. Die Montagsdemos am Flughafen seien eher bürgerlich, die Leuten hätten vor allem Angst vor der Lärmbelästigung. Die Baumbesetzer seien zwar sympathisch, „da waren aber auch nur Deutsche“. Am Flughafen dagegen würden sehr viele Migranten unter zunehmend schlechteren Arbeitsbedingungen zu Billiglöhnen arbeiten. „Warum gibt es da keine Vernetzung?“

Für den 25.03. ist ein Solidaritätsfest für die Waldbesetzer geplant. Dann sind Yuki, Wiki, Tatze, Igel und Waschbär sicher auch wieder dabei…

*Name geändert

Auf einen Tee mit den Waldbesetzern

„Wir würden um 150 Jahre zurückfallen“

Veranstaltung mit kurdischen Aktivistinnen im Studierendenhaus in Frankfurt

Im Festsaal des Studierendenhauses ist es ziemlich kalt, die meisten Besucher behalten ihre Jacken an. Dennoch ist die Veranstaltung gut besucht.

Das autonome Frauen-Lesbenreferat der Uni Frankfurt hat kurdische Frauenrechtsaktivistinnen aus der autonomen Region Kurdistan im Nordirak eingeladen, um über die Lage der Frauen dort zu berichten.

Die vier Frauen auf dem Podium sind allesamt Aktivistinnen in dem Verein Rewan, der sich gegen Gewalt gegen Frauen und für deren (sexuelle) Selbstbestimmung einsetzt. Die Aktivitäten des Vereins bestehen vor allem in Beratung, Information und Öffentlichkeitsarbeit. Für das seit 1990 bestehende Autonomiegebiet haben sich die Bedingungen in den letzten Jahren in vielfacher Hinsicht geändert, beispielsweise sind durch die unsichere Lage im Irak, den Vormarsch des IS und den Krieg in Syrien ca. 1,5 Millionen Menschen in die Region geflüchtet.

Die Autonomie der Region ist jedoch relativ begrenzt, so dass im Irak geltendes Recht auch in Kurdistan gültig ist. Die kurdischen Aktivistinnen berichten über die drohende Verletzung von Frauenrechten, die durch eine von reaktionären religiösen Kräften beabsichtigte Änderung der Personenstandsgesetze drohen.

Das im Irak bisher geltende Recht, das nach dem Sturz der Monarchie 1959 eingeführt wurde, gelte in Bezug auf die Frauenrechte als eines der progressivsten im Nahen Osten. Seit einigen Jahren werde jedoch von religiösen Gruppen versucht, die Gesetzeslage radikal zu ändern. Zum einen werde die Reichweite des geltenden Rechts in Frage gestellt, da es religiösen Gerichten erlaubt werden soll die Rechtsstreitigkeiten ihrer Gläubigen selbst zu verhandeln (Mit der Konsequenz, dass je nach Glaubensgruppe, ein spezifisches religiöses Gesetz gültig wäre). Darüber hinaus werde eine Änderung der Verfassung angestrebt, die zum einen die gesetzliche Regelung zu häuslicher Gewalt, zum anderen ein nach dem schiitischen Geistlichen Ja’afar benanntes Gesetz umfasst. Letzteres würde Frauen völlig entrechten und auch die Ehe mit Minderjährigen erlauben. Schon seit einigen Jahren seien im Parlament immer wieder Anläufe unternommen worden das Ja’afar Gesetz durchzubringen, was vor allem durch vehemente Proteste verhindert worden sei.

Die Aktivistinnen befürchten jedoch, dass nach den irakischen Wahlen im Mai und der abzusehenden Dominanz einer religiös-reaktionären schiitischen Mehrheit im Parlament, ein erneuter Versuch unternommen werde, das Gesetz Ja’afar doch noch durchzusetzen.

Als die Diskussion für das Publikum geöffnet wird fragt ein Besucher, wie es denn die Kurden mit der Religion halten. Die Antwort ist kurz und bündig. „Wir Kurden nehmen die Religion nicht so ernst“.

„Wir würden um 150 Jahre zurückfallen“

Jesus mit Waschbrettbauch

#rubensausstellung #städel

Gastbeitrag von Rubens-Kenner Professor Dr. Frissdichsatt

Peter Paul Rubens sah nicht so aus wie die von ihm dargestellten Helden, er hatte keinen ausdefinierten Oberkörper, dafür aber einen Schlapphut und einen Mühlsteinkragen. Als er die in Rom ausgegrabenen Ober- und Unterkörper zu Gesicht bekam, kopierte er sie begeistert. So etwas gab es in Antwerpen nicht. Daraufhin mied er die tropfenförmigen Flamen (und Deutschen) und sammelte Heiligenlegenden, die er nach verwertbaren Ober- und Unterkörpern absuchte. Gemäldegrößen unter zwei Metern fand er kümmerlich, was auf einen Minderwertigkeitskomplex schließen lässt. Sein Männlichkeitsideal war der übermuskuläre Held, der brüllend krepiert, weil er sich überfressen hat – wir sind im Theater des frühen Barock; Seine Gefährtin schmiss er aufs Lager um sie zu begatten.

Eingerahmt werden die Paarungen von geflügelten, überfütterten Säuglingen sowie von zahllosen Äpfeln, Birnen, Kürbissen und allem was satt macht (Die meisten seiner Requisiten gehören in die Bio-Tonne). Genauso satt wie seine Figuren sind seine Farben. Seine Leitfarbe ist rosa (in verschiedenen Schattierungen). In Gedanken mag Peter Paul in der rosa Rührmasse bereits die Venus gesehen haben.

Ein Bild von Rubens macht das Zimmer voll, praktischerweise braucht es dann auch keine Möbel mehr. Manches erinnert an eine überfüllte Straßenbahn im Berufsverkehr: Menschen, Tiere, Götter und Putten sind zu riesigen Knäueln verschmolzen.

Nie zuvor sah man einen so durchtrainierten Christus, der wohl Herkules Farnese zum Stammvater hatte.

Abzüglich der Anzüglichkeiten war die Ausstellung jedoch sehr anregend!

Jesus mit Waschbrettbauch