Sag’s mir auf beamtisch

Osthafen

 

 

 

 

Die deutsche Sprache ist bekannt für ihr Beamtenkauderwelsch, das eigentlich niemand versteht. Dieses „Beamtisch“ begegnet einem auf Verbotsschildern, in Amtsbriefen und Beipackzetteln. Es ist etwas steif in den Knien, wirkt umständlich, unterkühlt, und vielleicht sogar bedrohlich.

Typisch für das Deutsche sind die zusammengesetzten Wörter: Wurstbudenbesitzer, Straßenverkehrsordnung, Polizeihauptmann, Milchtütenfabrikant … In Anderen Sprachen bleiben die Wörter eher getrennt.

Manche Formulierungen der Amtssprache beziehen sich ausschließlich auf abstrakte Dinge, die nur schwer zu veranschaulichen sind, und in ihrer Verkettung fast als ihre eigene Karikatur erscheinen.

Man stelle sich beispielsweise folgende Szene vor. Eine Gruppe Touristen versucht den Sinn eines Hinweisschildes in deutscher Amtssprache zu entschlüsseln: „Abgegrenztes Bahngebiet gemäß Beförderungsbedingungen“.

Kann mir das vielleicht irgendjemand übersetzen, und zwar, bevor die nächste Bahn kommt?

Für das Schild des Hafenamts hätte ich allerdings einen Übersetzungsvorschlag:

„Ist echt deine Schuld, wenn du hier tierisch auf die Fresse fliegst! Dein Hafenamt“

Sag’s mir auf beamtisch

„Die Verführten“

 

#dieverführten #thebeguiled #sofiacoppola

 

Der neue Film von Sofia Coppola lief gestern in den deutschen Kinos an. Für den Film hat Coppola bereits den Preis für die beste Regie in Cannes erhalten. Die Besetzungsliste wartet mit prominenten Namen auf, wie Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning und Colin Farrell. Die Geschichte wurde bereits 1971 mit Clint Eastwood in der Hauptrolle verfilmt. Mit einem Abstand von über 40 Jahren bietet sich bei Coppolas Bearbeitung des Stoffes natürlich ein sehr anderes Bild, was zum einen mit der Entwicklung der Bildtechnik, aber auch mit einer veränderten Frauendarstellung zu tun hat.

 

Der Film spielt zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert. Schauplatz ist ein abgeschiedenes Mädcheninternat in den Südstaaten. Ein verwundeter Soldat aus den Nordstaaten wird von einer Internatsschülerin im Wald gefunden, er wird von den Frauen des Internats zur Pflege aufgenommen. Auf dieser Grundlage entspinnt sich die weitere Handlung.

 

Die Gemeinschaft der Frauen im Internat, insbesondere die Leiterin des Internats, ist über die Unterbrechung ihres gewohnten Alltags anfänglich nicht sonderlich erfreut. Da der Verwundete aber keine Gefahr darzustellen scheint, wird er aufgenommen, und auch im Folgenden nicht der Südstaatenarmee übergeben. Die Mädchen, und auch die Frauen, sind bald über die Abwechslung die der Fremde für ihren abgeschlossenen Alltag bringt, entzückt. Doch bald bahnt sich Unbill an, da drei Frauen nun die sexuelle Nähe des Soldaten suchen. Als er schließlich mit der Jüngsten, der Schülerin Alicia, ins Bett steigt, eskaliert die Situation. Nach einem Treppensturz wird McBurney ein Bein amputiert. Als er erwacht, wittert er eine Verschwörung der Damen. Der vorher charmante Gast beginnt doch recht unangenehm zu werden; wie ein wütender Patriarch bedroht er die Frauen und Mädchen. Sie  beraten nun darüber, wie sie den Gast loswerden können.

 

Das Setting des Films ist insbesondere durch seine Kontraste reizvoll. Der wilde amerikanische Urwald steht im Gegensatz zum palladianischen Stil des Internatsgebäudes. Der fremde Soldat, die Gefechtgeräusche und das Kanonendonnern gehören zu der äußeren Welt, außerhalb des Zaunes, der das Internatsgelände umgibt. Die Trennung zwischen Außen und Innen, Frauen- und Männerwelt war für das 19. Jahrhundert (was das Bürgertum betrifft) ja durchaus eine Realität. Durch die Vermischung der Welten wird die Frauengemeinschaft instabil. Zum Ende sind die Welten wieder ordentlich getrennt, auch wenn dazu eine gute Portion Gewalt eingesetzt wird.

Die Bilder, die Coppola inszeniert, gleichen häufig Traumsequenzen, Märchenbildern oder Erinnerungsszenen. Das Mädchen das zu Beginn zum Pilzesammeln in den dunklen Wald geht, erinnert an Rotkäppchen. Die Frauen und Mädchen aus dem Internat, in ihren historischen Kleidern, haben zeitweise etwas geisterhaftes, die Sequenzen die die Mädchen beim Aufsagen von Abzählreimen im Sonnenlicht, oder beim Schnüren der Mieder zeigen, sind einerseits zeitlich entrückt, andererseits aber auch von großer Intimität geprägt. Der Kamera gelingt es besonders gut Details einzufangen, die Nässe der abgefallenen Blättern auf dem Waldboden, die pastellfarbenen Kleider der Bewohnerinnen, das Gesicht der jungen Lehrerin hinter einem Spitzenvorhang. Klanglich ist der Film eher still. Ein ständiger Begleiter ist das Grillenzirpen, unterbrochen durch Gefechtsdonner, der Hausmusik der Internatsschülerinnen und Kompositionen der Band Phoenix.

 

 

 

„Die Verführten“

Der Wurstdurchlauf am 1. Sonntag nach Trinitatis

 

 

In Erinnerung an Jean Paul

 

 

„Bikini-Fit in 7 Tagen“ steht bei Inklatsch auf der Titelseite. Ab S.20 werden verschiedene Wunderdrinks angeboten, inklusive Rezepte zur eigenen Herstellung. Man kann zwischen verschiedenen Substanzen als Basis wählen: Aktivkohle, Gelatine und Kurkuma. Je nach Grundlage sind die Getränke dann schwarz, grün oder senfgelb.

Sie sehen so aus, wie ich mir den Trank vorstelle, den die kleine Meerjungfrau von der Meerhexe verabreicht bekam. Heute ist der Trend wohl eher umgekehrt, alle wollen Meerjungfrauen sein, es gibt sogar Schwimmkurse in denen man lernt nach Meerjungfrauenart zu schwimmen.

 

Ich entscheide mich für Kurkuma mit Ingwer und Zimt. Im Supermarkt gibt es Kurkuma nur als Pulver; „Naja es geht ja um die Wirkung, nicht um die Darreichungsform“. Allerdings bekomme ich das Zeug nur schwer herunter. Es ist irgendwie ein „trockenes“ Getränk, mehlig und erdig. Die Mischung bleibt außerdem am Tassenboden hängen, so dass ich es mehrmals mit Wasser aufgießen muss. Nach dem dritten Aufguss schütte ich den Rest weg.

 

Meine Mutter erzählt mir, dass die Großante ihrer Nichte väterlicherseits einmal eine Steak-Diät gemacht haben soll (Nichts außer Steaks, und zwar Medium). Oder habe ich das geträumt? Das war wohl in den 50er oder 60er Jahren. Sie war übrigens mit einem thüringischen Großherzog liiert, aber das muss zeitlich früher gewesen sein. Großherzöge gabs in der DDR ja wohl keine mehr, jedenfalls offiziell.

Bei einem anderen Bekannten, Schwippschwager von Udo Jürgens, wurde, nachdem er über Wochen eine Bananen-Diät gemacht hat, Diabetes diagnostiziert. Seither spritzt er Insulin, aber nur 14-tägig.

 

Nach drei Tagen Kurkumatrank habe ich das Gefühl meine Magenschleimhaut verätzt allmählich. Zudem ist mir tagsüber so schlecht, dass ich gar nichts mehr esse. Nur abends, wenn ich über den Bahnhof nachhause gehe, bekomme ich auf einmal einen Riesenhunger nach Bratwurst mit Ketchup. Mein Heimweg führt nämlich, müssen Sie wissen, an einem Bratwurststand vorbei. Trotz Magenverätzung, und wegen Hunger, erfasst mich regelmäßig ein wunderlich Gelüst nach Bratwurst und Ketchup eben. Kennen Sie doch auch?

 

Ich esse mit schlechtem Gewissen, auch, weil die Tortur damit fast umsonst war. Das hält mich aber nicht davon ab, noch eine Portion Pommes Frites hinterher zu schieben. Und, da ich kein Essen wegwerfen kann, ob aus Armutserfahrung, Protestantismus, oder Hungerangst, weiß ich nicht, verspeise ich brav das Gekaufte (samt der Pappschachtel). Diesen Vorgang wiederhole ich leider an jedem der nächsten Tage. Es ist ein bisschen wie in der Erzählung vom Geisterschiff: Zwanghaft, und ewig zum Gleichen verdammt.

 

Doch, am 1. Sonntag nach Trinitatis holt mich das Schicksal ein, die Würste ziehen mich schwer herab, und der Wurstdurchlauf beginnt: Ich spüre jeden Streckenabschnitt, den sie im Darmfortlauf voranschreiten, wie sie an jeder Krümmung anstoßen, um Serpentine um Serpentine zu überwinden. Nach einigen Stunden habe ich die Prozedur dann doch schweißgebadet überstanden. Daraufhin schwöre ich sowohl der Wurst, als auch der teuflischen Wurzel für alle Zeit ab. Entschuldigen Sie, ich muss mal um die Ecke, Akten aufarbeiten.

Der Wurstdurchlauf am 1. Sonntag nach Trinitatis

Der Stachel im Fleisch 

 

Veranstaltungsprogramm des Rüsselsheimer Bauwagenplatzes zum Hessentag

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Der Bauwagenplatz in Rüsselsheim hat pünktlich zu Beginn des Hessentages ein Veranstaltungsprogramm auf die Beine gestellt. Dabei handelt es sich natürlich eher um ein Gegenprogramm zu dem Großereignis, das von der Hessischen Landesregierung, bzw. der Hessischen Staatskanzlei, in Verbindung mit der Stadt Rüsselsheim und verschiedenen Kooperationspartnern organisiert wird.

Um den Bauwagenplatz war es in den letzten Jahren eher ruhig geworden. Das Gelände am Sommerdamm liegt nun allerdings auch mitten im Areal des 57. Hessentags, so dass sich eine Beteiligung wohl anbot.

Gestern fand am Wagenplatz die erste Veranstaltung statt, dazu eingeladen war die Fachreferentin für Mobilität und Klimaschutz von Robin Wood, Monika Lege. Unter dem Titel „Schnell und billig den Planeten grillen“ berichtete Lege über die fatalen Auswirkungen des ständig wachsenden Flugverkehrs auf den Klimawandel. Der Flugverkehr sei erst kürzlich aus den in der UN vereinbarten Klimazielen herausgenommen worden. Insgesamt sei Wachstumskritik in der Politik nicht sehr populär, gerade deswegen sei ein zivilgesellschaftliches Engagement umso wichtiger. Neben den Emissionen des Flugverkehrs seien insbesondere die Rodungen für Flughäfen ein großes Problem. Bäume und Wälder hätten, durch ihre Eigenschaft Co2 zu binden, einen direkten Einfluss auf das Klima. In der Rhein-Main Region hatte Robin Wood zuletzt 2008/2009 Aktionen unterstützt, die eine Abholzung des Kelsterbacher Waldes zu verhindern suchten. Nur wenige Wochen nach dem Regierungsantritt der Schwarz-gelben Regierung jedoch, fiel der Wald. Das Thema Flughafenausbau wird wohl auch in absehbarer Zeit wieder aktuell. Veranstalter und Robin-Wood-Mitglied Manfred merkt an, dass es in der angrenzenden Gemeinde Trebur Pläne zum Waldverkauf gibt. Die Gemeinde ist hoch verschuldet, und, nachdem eine Koalition von CDU und freien Wählern in Trebur die Regierung übernommen haben, gilt der Verkauf an die Fraport als eine mögliche Option.

 

Neben Klimawandel und Flughafenausbau werden in den kommenden Tagen jedoch noch weitere Themen aus dem links-ökologischen Kanon behandelt. Der Polit- und Umweltaktivist Jörg Bergstedt wird von seinem Kampf gegen die Mühlen der Institution berichten (14.06., 20h), Bergstedt wurde 2011 unrechtmäßig über mehrere Tage inhaftiert.

Darüber hinaus gibt es auch ein kulturelles Programm: Neben einer Musikveranstaltung (17.06. 21h), wird während der gesamten Zeit ein Flohmarkt für Bücher, Haushaltswaren und Kinderspielzeug stattfinden. Bei einem Gang über den Bücherflohmarkt findet sich neben Krimis und Kinderbüchern auch eine ganze Kiste mit Werken von Berthold Brecht, womit der inhaltliche Bogen zu den Veranstaltungen (aus klassenkämpferischer Perspektive) nun auch hier geschlagen ist.

Bauwagenplatz Rüsselsheim

 

Bauwagenplatz5

Bauwagenplatz6Bauwagenplatz Rüsselsheim1

Der Stachel im Fleisch 

Dandys, Staub und Staufer

 

 

 

Umbau und Neueröffnung des historischen Museums in Frankfurt

#historischesmuseum #frankfurt

 

 

Die Bauarbeiten am neuen historischen Museum waren im Mai beendet, die Eröffnungsfeierlichkeiten sind für den Herbst geplant, aber schon vorher konnte ein erster Eindruck gewonnen werden.

Das alte Gebäudeensemble, der Saalbau, verläuft parallel zum Main. Es besteht aus dem Rententurm aus dem 15. Jahrhundert, dem Bernusbau aus dem 18. Jahrhundert, und dem Burnitzbau aus dem 19. Jahrhundert. Alle Bauten wurden im 2. Welkrieg zerstört und danach wiederaufgebaut.

Saalhofensemble

 

Die verschiedenen Bauabschnitte sollten auch nach dem Umbau des Museums im Innenraum klar erkennbar bleiben.

Mit dem Umbau wurde das historische Ensemble durch einen modernen Gebäudeteil ergänzt. Darüber hinaus wurde ein weiterer separater Neubau vis-à-vis errichtet. Die Gebäude sind jedoch alle miteinander verbunden.

Gestalterisch greifen der Ergänzungsbau und der Neubau historische Stilelemente auf. Diese werden allerdings modern interpretiert: Roter Sandstein wurde als Baumaterial verwendet (ein für Frankfurter Bauten typisches Material), Spitzgiebel, Schieferdach und Basaltsockel sollen den ästhetischen Bezug zur Vergangenheit herstellen. Der Grundriss der historischen Frankfurter Altstadt soll ebenfalls berücksichtigt worden sein.

Erweiterungsbau historisches Museum

 

Dieser neuen Gestaltung fiel allerdings der alte Bau aus den 60er Jahren zum Opfer. Das Gebäude aus Sichtbeton im Stile des Brutalismus war in der Stadtgesellschaft umstritten. Jedoch war es nach Technischen Rathaus und Afe-Turm eines der Letzten im Stile des „Béton brut“.

 

Vergangene Woche führte eine der Kuratorinnen, Angela Jannelli, durch das Museum. Der Rundgang führte über den Rententurm (die ehemalige ‚Zollstelle’), vorbei an Überresten einer Hafenanlage aus der Stauferzeit, in die Stauferkapelle aus dem 12. Jahrhundert. Zu früheren Zeiten wurde in der Kapelle der Reichsschatz aufbewahrt, heute ist dort eine Kopie der Reichdevotionalien von 1913 zu sehen.

Die Gründung des historischen Museums geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Die Sammlungen stammen teils aus Beständen der Stadtbibliothek, teils aus privatem Besitz.

Insgesamt sind 12 Sammlungen zu sehen. Eine der Sammlungen stammt von dem früheren Leiter der Stadtbibliothek Johann Martin Waldschmidt. Als Besonderheit dieser Sammlung ist der „Schöner Globus“ von 1515 hervorzuheben. Es ist der erste Globus auf dem Amerika eingezeichnet ist.

Einen weiteren Höhepunkt des „Sammlermuseums“ stellen die von Carl Theodor Dalberg gesammelten Gemälde dar. Dalberg war Regierungsoberhaupt des kurzlebigen Großherzogtums Frankfurt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Neben den Tafelgemälden aus Frankfurter Kirchen findet sich dort auch ein Selbstportrait von Joseph Chabord. Der Maler Chabord ist insbesondere für sein Porträt von Napoleon Bonaparte bekannt. Auf dem Selbstportrait zeigt sich Chabord als fescher Dandy neben der Büste von Dalberg.

Chabord

 

Im neuen Gebäudetrakt soll die Ausstellung „Frankfurt Jetzt“ angesiedelt werden. In ihr soll es um aktuelle Themen und auch um aktuelle (beispielsweise digitale) Darstellungsformen gehen. Unter milchigen Planen wartet dort auch ein neues Stadtmodell auf seine Enthüllung.

Frankfurt staubsicher verpackt

Die Modellfläche soll 70qm betragen. Es handle sich dabei aber nicht um eine 1:1 Darstellung, so Jannelli, sondern um die gefühlte Stadt. Ein Gimmick verspricht ein Projekt eines niederländischen Gestaltungsbüros zu werden, verschiedene Ansichten der Stadt wurden dabei in Schneekugeln gestellt. All das, ist aber erst im Herbst zu sehen…

Dandys, Staub und Staufer

#FreeDeniz im Frankfurter Schauspiel

 

 

 

 

#freedeniz #schauspielfrankfurt #frankfurt 

 

 

Seit einigen Wochen werden von Freunden und Unterstützern des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel Veranstaltungen organisiert, um gegen seine Verhaftung zu protestieren, und um dafür zu sorgen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nicht nachlässt. So heute im Frankfurter Schauspiel. Zahlreiche Prominente und Freunde haben Texte von Yücel gelesen, u.a. der Satiriker Jan Böhmermann und die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, der Radio DJ Klaus Walther, der Autor Imran Ayata, die Chefradakteurin der Rundschau Bascha Mika, die Journalistin und gute Freundin Yücels, Doris Akrap und seine Schwester Ilkay Yücel.

 

 

Der Saal ist vollständig gefüllt, als Doris Akrap die Veranstaltung eröffnet. Ilkay Yücel weist darauf hin, dass ihr Bruder über seine Anwälte von der Veranstaltung weiß, und dass diese Form der Solidarität sehr wichtig ist. Natürlich geht es bei allen Solidaritätsveranstaltungen für die Pressfreiheit nicht nur um Deniz Yücel, sondern auch um all die anderen zu Unrecht inhaftierten Journalisten in der Türkei. Jedoch steht er mit seinen Texten an diesem Tag im Mittelpunkt.

Jan Böhmermann beginnt die Lesung mit den Gefängnisberichten aus der Zeitung „die Welt“.

Der Geschäftsführer des Börsenverein des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis kritisiert in seinem Beitrag die wirtschaftliche Annäherung der Bundesregierung an die Türkei, da eine wirtschaftliche Stabilisierung eben auch eine Stabilisierung der Herrschaft eines Diktators bedeute. Die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke und Deniz Schwester Ilkay Yüksel haben Texte gewählt, die sich mit der Lage in der Türkei befassen. In „Taksim ist überall“ wird das Schicksal eines jungen Demonstranten beschrieben. Nach einer Protestkundgebung wird er von Polizisten brutal zusammengeschlagen. Zwei Tage später erleidet er eine Hirnblutung und stirbt. In dem von Emcke vorgetragenen Text geht es um die Spaltungen und Widersprüche innerhalb der türkischen Gesellschaft. So konnte es beispielsweise bei den Gezi-Protesten passieren, dass sich linke Aktivisten neben Anhängern der grauen Wölfe, Geschäftsleuten, oder Anhängern von Atatürk wiederfinden konnten. Dieses Gemengelage wird aber durch einen Aspekt, und es ist vielleicht der wichtigste, alarmierend, nämlich der, dass in der türkischen Gesellschaft eine massive (staatliche) Gewalt zu Tage tritt, der die Einzelnen letztlich schutzlos ausgeliefert sind.

 

Viele der älteren Texte die Deniz Yücel für die Tageszeitung (TAZ), oder die Jungle World schrieb befassen sich allerdings mit deutschen Zuständen. Auch dort nahm er kein Blatt vor den Mund.

So schrieb er anlässlich der Fußball-WM 2008 kritisch über den Fussballtaumel und das Schwenken der deutschen Nationalfahnen. Dabei stellte er die Frage, ob es um Integration oder um Ausschluss gehe, und wie das eigentlich ist, mit dem Rassismus in Deutschland. Yücel nimmt dabei ein Ereignis wie die Fussball-WM zum Anlass, um tief in die Ecken der Gesellschaft zu leuchten, und fördert dabei auch einiges zu Tage.

In seiner Satire „Super, Deutschland schafft sich ab!“ deutet Yücel das von Thilo Sarrazin ausgemalte Bedrohungsszenario in eine Freudensbotschaft um. Er zählt die Vorteile der „Abschaffung“ auf: Mehr Platz in der Mitte Europas, oder die Möglichkeit, das Gebiet anderen Völkern zur Verfügung zu stellen, z.B. den Palästinensern.

Auch den deutschen Israelkritikern rückt er auf den Leib. In seinem Text „Nein, du darfst nicht“, weist darauf hin, dass es schon sehr zynisch anmute, wenn die Nachkommen jener Menschen, die die Ermordung der Juden in Europa organisiert haben, heute eben jenen Staat leidenschaftlich kritisieren, der den Juden einen Schutzraum bietet.

 

Doris Akrap weist zum Schluss noch einmal darauf hin, dass es auch in Deutschland mit der Wertschätzung von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit in der Bevölkerung nicht unbedingt zum Besten stehe, wenn Texte den eigenen Vorlieben und Ansichten widersprechen. Nach Yücels Verhaftung im Februar wurde in Twitter- und Facebookkommentaren auch mit Häme und Drohungen reagiert, insbesondere von Nationalisten und Afdlern.

 

Es scheint allerdings als wären gerade solche Befindlichkeiten und Ressentiments in der Türkei zur Staatsräson erhoben worden, oder als würden sie zumindest dahingehend instrumentalisiert.

#FreeDeniz im Frankfurter Schauspiel