#FreeDeniz im Frankfurter Schauspiel

 

 

 

 

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Seit einigen Wochen werden von Freunden und Unterstützern des in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel Veranstaltungen organisiert, um gegen seine Verhaftung zu protestieren, und um dafür zu sorgen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nicht nachlässt. So heute im Frankfurter Schauspiel. Zahlreiche Prominente und Freunde haben Texte von Yücel gelesen, u.a. der Satiriker Jan Böhmermann und die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, der Radio DJ Klaus Walther, der Autor Imran Ayata, die Chefradakteurin der Rundschau Bascha Mika, die Journalistin und gute Freundin Yücels, Doris Akrap und seine Schwester Ilkay Yücel.

 

 

Der Saal ist vollständig gefüllt, als Doris Akrap die Veranstaltung eröffnet. Ilkay Yücel weist darauf hin, dass ihr Bruder über seine Anwälte von der Veranstaltung weiß, und dass diese Form der Solidarität sehr wichtig ist. Natürlich geht es bei allen Solidaritätsveranstaltungen für die Pressfreiheit nicht nur um Deniz Yücel, sondern auch um all die anderen zu Unrecht inhaftierten Journalisten in der Türkei. Jedoch steht er mit seinen Texten an diesem Tag im Mittelpunkt.

Jan Böhmermann beginnt die Lesung mit den Gefängnisberichten aus der Zeitung „die Welt“.

Der Geschäftsführer des Börsenverein des deutschen Buchhandels, Alexander Skipis kritisiert in seinem Beitrag die wirtschaftliche Annäherung der Bundesregierung an die Türkei, da eine wirtschaftliche Stabilisierung eben auch eine Stabilisierung der Herrschaft eines Diktators bedeute. Die Friedenspreisträgerin Carolin Emcke und Deniz Schwester Ilkay Yüksel haben Texte gewählt, die sich mit der Lage in der Türkei befassen. In „Taksim ist überall“ wird das Schicksal eines jungen Demonstranten beschrieben. Nach einer Protestkundgebung wird er von Polizisten brutal zusammengeschlagen. Zwei Tage später erleidet er eine Hirnblutung und stirbt. In dem von Emcke vorgetragenen Text geht es um die Spaltungen und Widersprüche innerhalb der türkischen Gesellschaft. So konnte es beispielsweise bei den Gezi-Protesten passieren, dass sich linke Aktivisten neben Anhängern der grauen Wölfe, Geschäftsleuten, oder Anhängern von Atatürk wiederfinden konnten. Dieses Gemengelage wird aber durch einen Aspekt, und es ist vielleicht der wichtigste, alarmierend, nämlich der, dass in der türkischen Gesellschaft eine massive (staatliche) Gewalt zu Tage tritt, der die Einzelnen letztlich schutzlos ausgeliefert sind.

 

Viele der älteren Texte die Deniz Yücel für die Tageszeitung (TAZ), oder die Jungle World schrieb befassen sich allerdings mit deutschen Zuständen. Auch dort nahm er kein Blatt vor den Mund.

So schrieb er anlässlich der Fußball-WM 2008 kritisch über den Fussballtaumel und das Schwenken der deutschen Nationalfahnen. Dabei stellte er die Frage, ob es um Integration oder um Ausschluss gehe, und wie das eigentlich ist, mit dem Rassismus in Deutschland. Yücel nimmt dabei ein Ereignis wie die Fussball-WM zum Anlass, um tief in die Ecken der Gesellschaft zu leuchten, und fördert dabei auch einiges zu Tage.

In seiner Satire „Super, Deutschland schafft sich ab!“ deutet Yücel das von Thilo Sarrazin ausgemalte Bedrohungsszenario in eine Freudensbotschaft um. Er zählt die Vorteile der „Abschaffung“ auf: Mehr Platz in der Mitte Europas, oder die Möglichkeit, das Gebiet anderen Völkern zur Verfügung zu stellen, z.B. den Palästinensern.

Auch den deutschen Israelkritikern rückt er auf den Leib. In seinem Text „Nein, du darfst nicht“, weist darauf hin, dass es schon sehr zynisch anmute, wenn die Nachkommen jener Menschen, die die Ermordung der Juden in Europa organisiert haben, heute eben jenen Staat leidenschaftlich kritisieren, der den Juden einen Schutzraum bietet.

 

Doris Akrap weist zum Schluss noch einmal darauf hin, dass es auch in Deutschland mit der Wertschätzung von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit in der Bevölkerung nicht unbedingt zum Besten stehe, wenn Texte den eigenen Vorlieben und Ansichten widersprechen. Nach Yücels Verhaftung im Februar wurde in Twitter- und Facebookkommentaren auch mit Häme und Drohungen reagiert, insbesondere von Nationalisten und Afdlern.

 

Es scheint allerdings als wären gerade solche Befindlichkeiten und Ressentiments in der Türkei zur Staatsräson erhoben worden, oder als würden sie zumindest dahingehend instrumentalisiert.

#FreeDeniz im Frankfurter Schauspiel

Die Gauleiter

 

 

 

Schon wenn der Gauleiter morgens erwacht, ist er gekränkt. Man hat ihm was angetan, da ist er sich sicher. Sobald er den Fernseher anmacht, fällt ihm wieder ein: Die Merkel war’s.

 

Weil die Merkel, die hat die Flüchtlinge nach Deutschland gelockt. Deswegen geht’s dem Gauleiter so schlecht. Jetzt sitzt er in seinem Wüstenrot hinterm schmiedeeisernen Gartenzaun, vom deutschen Schäferhund bewacht, vom geschnittenen Buchsbaum umzingelt, aber doch von Flüchtlingen bedroht. Von dunkelhäutigen, glutäugigen Wüstenbewohnern und schwangeren Frauen mit Kopftüchern. Sie reden in unverständlicher Sprache Unverständliches, fernab von deutscher Leitkultur, kennen nicht die Nationalhymne, schon gar nicht die erste Strophe, keinen Gartenzwerg, keine Daimler-Wäsche am Samstag, keine Plakette für Bayern München. Nichts.

 

Im Fernsehen musste er mit ansehen, wie sie über die Grenze strömten. Der Nachbar hinterm schmiedeeisernen Gartenzaun war genauso sprachlos, auch seine Frau, auch sein Hund. Wut haben sie auf jeden Fall alle drei. Und so bleibt es nicht aus, dass die Gauleiter sich über die Gartenzäune hinweg verständigten, und sich zu einer Partei zusammenrotteten. Dort erzählt man sich mit Gram in den Mundwinkeln und mühsam unterdrückter Wut, was einem eine entsprungene Pfarrerstochter, die obendrein geschieden und im Kommunismus groß geworden ist, angetan habe (Und den Deutschen, was für ihn irgendwie dasselbe ist). Dem Gauländer wurde in Wirklichkeit gar nichts angetan (Und den Deutschen auch nicht). Er ist nur ein böser alter Mann, der irgendwo draufhauen will. Das Beste wäre, man sperrt ihn hinter seinen Gartenzaun und hängt ein Schild davor: „VORSICHT BISSIG!“

Die Gauleiter

Kleine Kauzkunde

 

 

 

Beethoven soll sich, zur Anregung seines Denkvermögens, regelmäßig einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen haben. Auch geschah es, dass er mitten in der Nacht auf sein Klaviers einhieb. Die Nachbarn konnten für dieses Gebaren wohl kein Verständnis aufbringen, das Verhältnis des Komponisten zu seinen Mitmenschen schien generell etwas getrübt gewesen zu sein, so wird von ihm etwa der Ausspruch kolportiert: „Keine Menschen, nur Leute“.

 

Leider ist es so, dass die zunehmend vom Aussterben bedrohten Käuze (Vielleicht waren sie auch schon immer bedroht), oft nur wenig Verständnis von ihrer Mitwelt ernten. Dabei sollte sich Jede und Jeder darüber im Klaren sein, dass ein gut gehegter Kauzbestand der Gesellschaft sehr zu Gute kommt.

 

Über einen marxistischen Professor wird beispielsweise erzählt, er habe sich bei einem Ausflug mit Kollegen, während einer Autofahrt, dermaßen über eine theoretische Frage überworfen, dass er mitten in einem Wald das Gefährt verließ, um den fürchterlichen Ansichten zu entkommen. Als der Professor auch abends noch nicht am Zielort angekommen war, mussten Suchtrupps losgeschickt werden, die ihn dann auch schließlich fanden.

 

Angesichts von Digitalisierung und der zunehmenden Ersetzung von Menschen durch Maschinen könnte man auch auf einen anderen, geradezu teuflischen, Gedanken kommen, dass nämlich auf lange Sicht nur die Käuze unersetzlich sein werden. Die Vorgänge die eine Maschine ausführt, ist ein vorgezeichneter Prozess. Es passiert (bis jetzt) selten, dass eine Maschine ein überraschendes oder nicht vorhersehbares ‚Verhalten’ an den Tag legt.

 

Gerade das ist aber wiederum spezifisch für das Verhalten der Käuze. Der Kauz hält sich nicht an die üblich vorgegebenen Verhaltensweisen, und kommt wahrscheinlich gerade deswegen zu ganz neuen Ergebnissen.

 

Vielleicht wird eines Tages in den Schulen das Lehrfach Kauzigkeit eingeführt. Und, da es besonders lange dauert, um zum Kauz zu gedeihen, sollten diese Lehrkräfte auch besonders gut bezahlt werden. Es ist dabei auch nicht zu vergessen, dass sich so ein Kauz wahrscheinlich auch nicht so leicht für eine Lehranstalt gewinnen lässt. Denn eigentlich sitzt er viel lieber auf einem Ast, und schaut verdrossen in die Welt, als sich mit seinen Mitmenschen zu beschäftigen.

 

Das Kauzwesen ist unmittelbar mit Neuerungen und Innovationen verbunden, darüber hinaus setzt sich der Kauz auf Grund seiner Kauzigkeit auch vehement für seine Ideen ein.

Also: Es lebe der Kauz!

Kleine Kauzkunde

Der Pavianfelsen

 

Lehrstück über die Hierarchie

 

 

In der Hierarchie der Paviane gibt es bekanntlich einen Chef: Den Silberrücken. Der gibt den Ton an, die anderen haben zu folgen. Da gibt es keine Diskussion!

Silberrücken läuft links herum um den Felsen, und fünfzig kleinere Affen trotteln ihm ergeben hinterher. Silberrücken läuft rechts herum, und sofort findet ein Richtungswechsel statt, der auch den kleinsten Unteraffen erfasst.

Bei den von Menschen erschaffenen Institutionsfelsen geht es eigentlich ganz ähnlich zu, aber ein paar Unterschiede gibt es dann doch. Da im Gegensatz zum Pavianfelsen der Silberrücken in den Institutionen nicht immer leibhaftig präsent ist, wird er in Abwesenheit von einem Unteraffen vertreten, der sich dann ganz genau so gebärdet. Er wäre gerne Oberaffe an Stelle des Oberaffens, und ist es dann auch (zeitweise). Der Oberaffenvertreter springt dann auf die Spitze des Felsens, zeigt stolz seinen roten Hintern, bleckt die Zähne und läuft mit hodenbetonten Gang um den Felsen herum. Wenn jedoch der Silberrücken zurückgekehrt, zeigt er wieder eine unterwürfige Haltung, ganz wie die Übrigen.

Eigentlich handelt es sich ja bei der Paviangesellschaft um einen großen Familienclan mit Häuptling. Die Rivalen hält sich Chef mit Quetschbissen und Drohgebärden vom Leib. Eine Gefahr droht ihm dabei allerdings. Wenn er mal nicht mehr so gut kann, dann schwingt sich der stärkste Rivale auf den höchsten Punkt des Felsens. Silberrücken muss weichen und ist fortan ein Fall für die Affencaritas. Doch die Stunde der Rache naht. Wenn der jüngste Herrscher gestürzt werden sollte, bleibt ihm vielleicht ein herzhafter Biss in den Unterschenkel des ehemaligen Rivalen.

Vielleicht ist der Pavianfelsen auch ein Abbild des totalitären Staates, oder ein Beispiel überhaupt für totalitäre Strukturen.

Natürlich unterscheidet sich die aus dem Zoo gewonnene Beobachtung insofern von der freien Wildbahn, als dass die Gefahr ausgeschaltet ist. Es gibt keinen äußeren Feind gegen den Silberrücken antreten müsste. Statt einem Leopard sitzt nebenan ein gütiger Tierpfleger.

 

Es stellt sich nun noch die Frage nach den Geschlechterverhältnissen. Silberrücken kann scheinbar über die Weibchen verfügen, und tut es auch. Wie die Affenfrauen das finden, bleibt etwas unklar. Vielleicht bewundern ihn die einen wegen seines prächtigen roten Hinterns, aber vielleicht planen auch einige die Einrichtung einer Girl-Gang. Sie horten heimlich Essen, das sie von Silberrücken und den anderen Affen stehlen, und mampfen es sich rein, um zu wachsen. Nachts machen sie Sit-ups und üben sich in asiatischer Kampfkunst. Wenn sie stark genug sind, überwältigen sie den alten Aff und auch die nachstrebenden Affen. Die Girl-Gang herrscht fortan. Die Kinder müssen nun natürlich von den Männern versorgt werden. Es herrscht das goldene Matriarchat. Oder ist es doch nicht so golden? Vielleicht stellt sich auch dort heraus, dass sich alle Kommunikation weiterhin auf Zähne blecken und Hinternzeigen beschränkt. Dann bleibt für die Klugen und die Zivilisierten unter den Äffchen nur der Sprung über den Zaun hinweg in die Freiheit!

Der Pavianfelsen

Eigentumskritik in Frankfurt

 

Vergangenen Dienstag stellte der Philosoph Daniel Loick sein neues Buch „Der Missbrauch des Eigentums“ in der Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt vor. Zum nächsten Semester hat Loick eine Gastprofessur für kritische Gesellschaftstheorie an der Goethe Universität inne.

 

In seinem Buch diskutiert der Philosoph verschiedene Theorieansätze zur Eigentumskritik, und entwickelt daraus einen eigene Kritikform. Er bezieht sich dabei auch auf praktische Infragestellungen von Eigentum, wie sie in der politischen Praxis der Hausbesetzung vollzogen werden. In den Parolen der Hausbesetzerbewegung, wie „Lieber Instandbesetzen als Kaputtbesitzen“, sieht er eine intuitive Kritik formuliert, der er eine theoretische Grundlage geben möchte. Das Buch ist im Übrigen dem 2013 geräumten studentischen Institut, und besetztem Haus, „Institut für vergleichende Irrelevanz“ gewidmet.

 

Eine immanente Destruktivität des Eigentumsverhältnisses, oder der Möglichkeit dazu, wird beispielsweise daran deutlich, dass der Besitzer einer Sache mit ihr nach seinem Gutdünken verfahren kann. Das bedeutet auch, dass er sie zerstören kann (oder sogar das Recht dazu hat). Dies kann er ungeachtet der Tatsache tun, ob jemand anderes dieses Gutes dringend bedarf. Angesichts der hohen Konzentration von Eigentum in den Händen weniger, ist dies offenkundig höchst problematisch. (Nach der Oxfam-Studie von 2016 besitzen 62 Einzelpersonen so viel, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.)

 

Loick bezieht sich auf zwei Ansätze der Eigentumskritik: Der von ihm so genannten sozialen Kritik am Eigentum von Karl Marx, und der ethischen Kritik von Giorgio Agamben. Aus der Verschmelzung beider möchte Loick eine politische Kritik am Eigentum formulieren, für die die Hausbesetzung als Praxis ein Sinnbild sein soll.

Daniel Loick kritisiert Marx darin, dass er nur das bürgerliche Privateigentum aufheben möchte. Max Horkheimer habe dies ähnlich gesehen, und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als einen „Kommunismus als Aktiengesellschaft“ bezeichnet. Die herrschaftlich, willkürliche Beziehung zu den Dingen werde dabei nicht aufgehoben, nur kollektiviert. Es fehle dabei eine generelle Infragestellung des Eigentumsverhältnisses an sich.

Diese möchte Loick aus der Theorie von Agamben gewinnen. In seinem 2012 veröffentlichten Buch, „höchste Armut“, habe Agamben am historischen Beispiel der Franziskaner im 13. Jahrhundert einen gänzlich anderen Bezug der Menschen zu den Dingen herausgearbeitet. Die Franziskaner verzichteten in Anlehnung an das Vorbild von Jesus Christus und seinen Jüngern auf jegliches Eigentum, um ein ethisch perfektes Leben zu führen. Nach Agamben hätten sie damit außerhalb des Rechtssystems gestanden.

Was sich nach Loick diesem historischen Beispiel abgewinnen lässt, ist ein neues Verhältnis zu den Dingen, nämlich, „von ihnen Gebrauch zu machen, ohne sie sich anzueignen“. Ganz faktisch geschehe dies heute schon in Entwicklungen wie Open Source und anderen „Commons“, wie die Internetenzyklopädie Wikipedia, aber eben auch bei Hausbesetzungen.

Wie genau die Verschmelzung der beiden philosophischen Ansätze auf einer theoretischen Ebene gelingt, so dass einerseits die Verteilungsfrage gestellt, und andererseits das Verhältnis der Menschen zu den Dingen neu strukturiert wird, lässt sich bei genauerer Lektüre erfahren.

 

Daniel Loick, Der Missbrauch des Eigentums, August Verlag 2016.

Eigentumskritik in Frankfurt

Trauerarbeit und Selbstermächtigung

Bag Mohajer – Tasche des Flüchlings

#bagmohajer

 

 

Der dreißigminütige Kurzfilm von Andreas Oeser, der gestern Abend erstmalig in Frankfurt gezeigt wurde, porträtiert ein Projekt mit Geflüchteten in Griechenland. Eine deutsche Modedesignerin hat in Athen eine Nähwerkstatt eingerichtet, in der Migranten aus Schwimmwesten und Rettungsboten Taschen anfertigen.

Der Film nähert sich sensibel seinen Protagonisten. Neben der Modedesignerin sind es die drei jungen Männer aus Afghanistan Hakim, Mansour und Morteza, die dabei zu Wort kommen. Sie sprechen über ihre eigene Geschichte, aber auch über die Situation für Geflüchtete in Griechenland. In den persönlichen biographischen Erzählungen geht es auch um die Fluchtgründe: Den Krieg in Afghanistan und das repressive System und die Unterdrückung Oppositioneller im Iran (wo einer der Geflüchteten zeitweise lebte). Griechenland werde von den Meisten nur als Durchgangsstation betrachtet, berichtet einer der Männer, alle würden versuchen möglichst schnell von dort wegzukommen. Die Situation in den Camps auf den Inseln sei unerträglich.

Das Filmteam begleitet die Taschennäher auf die griechischen Inseln, wo sie das Material einsammeln. Es ist sicher eine der stärksten Szenen des Films, als sie auf eine riesige Ansammlung von Schwimmwesten und Booten stoßen. „Es ist wie ein Friedhof“ kommentiert die Protagonistin sichtlich bewegt. Einer der Männer fügt hinzu, dass es unklar sei, ob die Besitzer der Westen noch am Leben sind.

Der Film verzichtet auf eine erklärende Stimme aus dem Off, die Zusammenhänge erschließen sich über die Interviews. Es ist eine traurige Grundstimmung, die durch die von der Kamera (Evangelos Anthimos) gewählten entsättigten Farben verstärkt wird.

In der Filmerzählung verweben sich kollektive und individuelle Momente. Die jungen Männer, die heute die Taschen nähen, kamen einst selbst auf Schlauchbooten auf die griechischen Inseln. Die Taschen sollen in Europa verkauft werden. Ein Europa, das vielleicht lieber vergessen möchte, dass Menschen unter Lebensgefahr das Mittelmeer überqueren, und nicht wenige dabei sterben. Die Momente von Vergessen (oder Verdrängen) und Erinnern, lassen an Konzepte der Psychoanalyse denken. In diesem Licht betrachtet, erscheint der Film als eine Art Trauerarbeit, aber auch als Verweigerung von etwas, das in der Individualpsychologie als Abspaltung bezeichnet wird.

Das Projekt „Bag Mohajer“ ist auch insofern hoffnungsvoll, als es versucht in Griechenland, wo alle möglichst schnell weg wollen, einen guten Ort für Geflüchtete zu schaffen.

Die Musik des Films wurde von dem Projekt „Bridges“ produziert. Mit einer Mischung aus Zupf- und Percussionsinstrumenten tragen sie wesentlich zum ästhetischen Gesamteindruck des Filmes bei.

 Linke zum Projekt Bag Mohajer:

http://bagmohajer.antira.info/de/

 

Trauerarbeit und Selbstermächtigung

Mäzen gesucht!

 

 

Während andere sich auf die Suche nach ihrem Elitepartner begeben (was auch immer das sein mag), bin ich auf etwas ganz anderes aus. Ich suche einen Mäzen!

(Und ich muss gestehen es pressiert zunehmend.)

Ich stelle mir meinen (zukünftigen) Mäzen in etwa so vor: Der alte Kauz ist in Italien zu Hause, irgendwo in Meran in Südtirol, auf einem alten Schloss. Aus Trotz bewohnt er nicht das schmucke Hauptgebäude, sondern ein verwittertes Nebengebäude (Vielleicht einfach nur, um die Leute zu verwirren, oder weil es ihm Spaß macht, wenn die an seinem Schloss Vorübergehenden sich darob die Haare raufen, und verzweifelt „Warum?“ stottern).

Seine Erben versuchen ständig ihn zu entmündigen. Aber er gönnt diesen Konformisten keinen Cent. Seine Missgunst gegenüber seinen Nachkommen ist ihm eine ständige Quelle der Freude. Während er bei Verwandtenbesuchen in bunten Gewändern Ausdruckstanz im Park betreibt, seltsame Gesänge anstimmt, oder Schiller deklamiert, zeigt er sich bei amtlichen Untersuchungen in bester geistiger Verfassung, weiß Kluges zur Weltlage zu sagen, referiert über Börsenkurse, scheint also sehr verständig.

Er müsste in etwa vom Typ des österreichischen Schriftstellers Fritz von  Herzmanovsky-Orlando sein (berühmt durch sein Werk: „Der Gaulschreck im Rosennetz“).

Also dieser Gaulschreck, ich meine mein Mäzen, der das Obskure schätzt, ließe es sich nun gerne angelegen sein, einen lustigen Affen wie mich zu protegieren (hier kommen wir zum entscheidenen Teil der Erzählung).

Aus Erfahrung weiß er, dass die richtige Narretei unbedingt der Förderung bedarf, und dass die herrlichsten Marotten durch eine Integration in die Arbeitswelt einen erheblichen Schaden erleiden können.

Während ich nun diesen Baron Gaga über meine neuesten Projekte informiere, sitzt er auf seinem Fauteuil aus dem die Sprungfedern hervorschauen, und klatscht begeistert in die Hände. Anschließend weist er seinen ebenfalls greisen Buchhalter an, eine monatliche Zahlung an mich in Auftrag zu geben, unter der Bedingung, dass er ständig über meine Vorhaben informiert bleibt.

Es wäre also alles ein wahres Himmelreich, bis zu dem Zeitpunkt, an dem mein lieber Protégé verbleicht, und mein Kühlschrank wieder leer wäre.

Das Ganze ist bis jetzt ja nur ein Gedankenspiel. Aber dennoch möchte ich hinzufügen, dass auch eine Baronesse Gaga mit ähnlich gelagertem Scheckbuch, mir aufs herzlichste Willkommen wäre.

Also meine Damen und Herren, zaudern sie nicht, zücken sie ihr Scheckbuch, und tun Sie endlich einmal etwas Vernünftiges!

Mäzen gesucht!