Irgendwo im Nirgendwo


Der Zug kommt auf einem leeren Kai zum Stehen, als hielte er nur, um sich bereit zu machen, für den Sprung in die Nordsee. Keine 10 Meter trennen den Prellbock vom Wasser.

Dagebüll (dänisch Dagebøl, nordfriesisch Doogebel) ist eine Gemeinde in Schleswig-Holstein kurz vor der dänischen Grenze. Das attraktivste an dem Ort ist wohl die Fähre zu „den Halligen“ Föhr und Amrum. Für die weniger Glücklichen, die sich in Dagebüll festsetzen, bietet sich ein sehr geordnetes Bild: Eine Ehrenkompanie von Ferienhäusern, in Reih und Glied hinter dem Deich. Alle kommen sie aus demselben Schnittmusterbogen, keines ist älter als 10 Jahre.

Ghost-City

Zum jetzigen Zeitpunkt, im März und außerhalb der Saison, sind die Straßen menschenleer wie in einer Geisterstadt. Alles ist vorbildlich aufgeräumt. Ein zusammengeknülltes Papier könnte Aufsehen erregen. Der gekieste Spielplatz mit bunt-lackierten Geräten steht verlassen im Regen. Ist da wer?

It’s reality

Eine der wenigen menschlichen Zuwendungen sind die Verbotsschilder gegen kackende Hunde, die (ebenso wie die Hunde) in jedem dritten Vorgarten aufgestellt sind. An die leeren Neubauten schließen sich leere Häuser mit Reetdächern an. Nicht nur (aber auch) durch die lackierten Holzfassaden der Neubauten, überkommt den Passanten das Gefühl, er bewege sich in einer Kulisse. Auf dem Weg vor einem der wenigen Reethäuser erscheint ein altes Hutzelweibchen und proklamiert „Ich bin eine echte Dagebüllerin“. Dabei kann einen dann doch der Gedanke überkommen, dass es sich bei der Frau um eine Statistin handelt, die von findigen Regisseuren immerzu um den Block geschickt wird, um den Anschein von Realität und echten Leben aufrecht zu erhalten.

Inside Peter’s Pub

In Peter’s Pub, der einzigen Kneipe in Hafennähe, wird Guinness ausgeschenkt und auf Wunsch läuft auch Janis Joplin. Ein junger Mann mit Hipster-Bart bastelt an der Playlist, während im Hintergrund stumm „Der Tatortreiniger“ läuft. Auch hier bevorzugt man Netflix. Auf einem weiteren Bildschirm werden die Highlights des Programms angepriesen: Konzerte, Brezeln und natürlich Guinness. Beim Toilettengang (das Design ist ausschließlich in blutrot und flaschengrün) kann man sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass mit einem beherzten Schlag gegen die Wand die ganze Pappkulisse einbrechen würde. So wie jetzt: Ein Schreck, ein Schlag, ein Schock, es war tatsächlich aus Pappe! Nur die Visage eines blöde grinsenden Kamerassistenten der mir sein Gebiss entgegenbleckt. Nichts wie weg hier!

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Irgendwo im Nirgendwo

Architektur, Geschichte und Klassenkampf


Buchvorstellung „Architektur einer bürgerlichen Gesellschaft Frankfurter Universitäts- und Stadtbauten im Kontext ihrer Geschichte zwischen 1906 und 1956 in der Karl-Marx-Buchhandlung in Frankfurt

Der Politologe und Humangeograph Jürgen Schardt wählt einen eher persönlichen Einstieg für die Vorstellung seiner Dissertation. Er habe am alten Campus Bockenheim begonnen zu studieren und sein Studium mit großer Leidenschaft verfolgt. Als der Umzug auf dem Campus Westend in die Planung gegangen sei, habe er den Eindruck gehabt, dass nun endgültig mit der kritischen Theorie abgerechnet werden solle, der Übergang vom Fordismus zum Neoliberalismus nun auch an der Universität vollzogen werde. Eigentlich habe er seine Forschung dem Umzug und dessen politischen Implikationen widmen wollen…

Doch dann sei es anders gekommen. Als er begonnen habe zur Geschichte der Universität zur forschen, habe es ihn „immer weiter ins 19. Jahrhundert gezogen“.  Dem gezeichneten Bild der Universität Frankfurter als „freier Bürgeruniversität“ in liberaler und fortschrittlicher Tradition, dass besonders während der Gründungsfeierlichkeiten verbreitet wurde, widerspricht Schardt scharf. Dass die Gründungsgeschichte der Uni als Kontinuität vom aufgeklärten Frankfurter Bürgertum, dessen angeblich fortschrittlichen Stiftungswesen, über die Universitätsgründung geschildert werde, sei historisch falsch.

Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts in Frankfurt sei eben nicht durch Aufklärung geprägt, sondern ständisch und eher reaktionär eingestellt gewesen. Schardt dokumentiert diese Prägung am Beispiel der fehlenden Bürgerrechte für Juden. Erst als Frankfurt seinen Status als freie Reichsstadt 1806 verlor, erhielten die Frankfurter Juden volles Bürgerrecht, das sie jedoch kurz darauf nach der Niederlage Napoleons 1816 wieder verloren. Von 1816-1866 war auch für die meisten anderen Frankfurter Bewohner der Status des Vollbürgers nicht erreichbar, da er neben der Religionszugehörigkeit an Vermögen und Einlagen geknüpft war.

Die privatrechtliche Gleichstellung der Juden sei der Stadt schließlich von Außen durch den Bundestag aufgezwungen worden. Aber auch nach dieser Gleichstellung 1864 sei ihnen die Beteiligung an den Frankfurter Stiftungen nicht gewährt worden. Auch von der politischen Vertretung, der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, liege ein Beschluss vor, der die Beteiligung von Juden an den Stiftungen explizit ablehnt. Die Frankfurter Hospitäler hätten erst in den 1880er Jahren auch Juden aufgenommen. Als mit der geplanten Universitätsgründung Anfang des 20. Jahrhunderts die Diskussion darum aufkam, dass sich auch die jüdischen Stiftungen an der Gründung beteiligen könnten, gab es von jüdischer Seite erhebliche Bedenken. Auch weil die preußischen Institutionen bekannt für den Ausschluss jüdischer Forscher waren. In der Zeitschrift des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ hatte der Autor Spectator sich aus genannten Gründen dagegen ausgesprochen, dass Juden für die Universität spenden.

Die Erzählung die Bürgersinn und Stiftungswesen und die Emanzipation der Frankfurter Juden in eins setze, sei insofern eine verdrehte Darstellung. Die Minderheit habe sich in „zähen Kämpfen“ behaupten müssen.

Als 1918 mit der Revolution alles anders werden und der Obrigkeitsstaat auch in den Universitäten abgeschüttelt werden sollte, habe sich die Situation nun ganz anders dargestellt.

Während vorher das preußische Kultusministerium als reaktionärer Gegner gegolten hatte, wären es nun die Studenten gewesen, die antidemokratische Haltungen zur Schau trugen. Die Antrittsvorlesung des demokratischen Wissenschaftlers Hugo Sinzheimer wurde massiv gestört, am Kapp-Putsch beteiligten sich auch Studenten oder sympathisierten mit den Putschisten. Der Asta schlug den 18.Januar, das Datum der Reichsgründung 1866, als Feiertag vor und machte damit deutlich, wo seine Sympathien lagen.

Die Feindseligkeit der Studenten gegen die Republik führte auf der anderen Seite dazu, dass nach dem finanziellen Bankrott der Universität 1921 das Interesse des Staates zur finanziellen Unterstützung eher gering ausfiel. Eine Auflösung der Universität und die Verteilung der Studenten auf andere Institutionen waren im Gespräch.  Als Kompromiss schildert Schardt die staatliche Rettung der Universität und die gleichzeitige Gründung der „Akademie der Arbeit“ als sozialdemokratisch geprägte Institution, auch die Gründung des Instituts für Sozialforschung 1923 habe in eine ähnliche Richtung gewiesen.

An diesen beiden neuen Institutionen habe sich auch der ästhetische Bruch mit der alten Welt gezeigt. Das Institut für Sozialforschung habe als quaderförmiger Bau mit einer Stahl-Beton-Konstruktion in einem Kontrast zum Jügelhaus mit seinem „neobarocken“ Portal gestanden. Auch wenn Schardt das Gebäude des IFS nicht der „Neuen Sachlichkeit“ zuordnen möchte, die in den 20er Jahren vor allem mit Ernst May und seinen Mitarbeiter_innen Einzug in Frankfurt hielt. In dem damaligen Gebäude des IFS hätten sich moderne und traditionelle Momente vermischt.

Schardt pendelt in seinem Vortrag zwischen Architekturgeschichte und Sozialgeschichte. Er betont „politische Kämpfe werden auch auf dem Gebiet der Architektur ausgetragen“. Im Publikationsorgan des „Neuen Frankfurt“ habe sich klar gezeigt, wo die Sympathien dieser progressiven Architekt_innengruppe lagen. In einem essayistischen Beitrag der Zeitschrift werde beispielsweise begeistert beschrieben, dass der Charakter der Bockenheimer Landstraße nun nicht mehr vom ständischen Bürgertum geprägt sei, sondern von „Tippfräulein, Binding Bier und Schweinemetzger“.  

Schardt schließt seinen Vortrag mit Ereignissen aus der etwas jüngeren Geschichte. Den Wiederaufbau der Frankfurter Oper bezeichnet er als eines der größten Architekturverbrechen der Stadt. Die vom Rauch geschwärzte Ruine, deren Portal die Aufschrift „dem Wahren, Schönen, Guten“ trägt, sei gerade in seinem zerstörten Zustand ein angemessener Ausdruck gewesen.

Auch der Wiederaufbau der Altstadt sei doch mehr als fragwürdig. Die heutige Anmutung des Areals habe eine erschreckende Ähnlichkeit mit den Planungen und Forderungen des „Altstadtvaters“ Fried Lübbecke, der den Zustand der Altstadt in den 1930er Jahren als Ideal setzte.    

Architektur, Geschichte und Klassenkampf

Eine masochistische Angelegenheit…


Die Debatte um Hartz IV bei Maischberger

Die Maischberger-Sendung anzusehen, war (insbesondere für Menschen die selbst von Hartz IV betroffen sind), eine doch eher masochistische Unternehmung. Das lag wahrscheinlich auch am grundsätzlichen Niveau von Talkshows, die wohl versuchen, sich an einer von einer imaginierten Allgemeinheit geteilten Position zu orientieren, anstatt neue Perspektiven zu eröffnen.

Auch wenn sich die Moderation noch halbwegs im Rahmen bürgerlicher Anstandsregeln bewegte, wurden diese im Laufe der Sendung auch immer wieder unterlaufen. Die eingeladenen Arbeitslosen wirkten dabei zeitweise wie Schautiere.

Während der erste Gast (eine arbeitslose Sozialwissenschaftlerin und Gastwirtin) noch recht eloquent agieren konnte, wurde der Mann Anfang 20 ohne Berufsausbildung durchgängig als Objekt behandelt. So lud die Moderatorin die Gäste Christian Lindner (FDP) und den Grünen-Politiker Habeck dazu ein sich gegenüber dem jungen Mann als Sachbearbeiter und Psychologe (später auch als Vater) zu gebärden und ihm Ratschläge zu geben. Diese fielen erwartungsgemäß im einen Fall eher wohlwollend-paternalistisch (Habeck), im anderen Fall eher autoritär-verurteilend (Lindner) aus.

Die Behandlung des Mannes durch Lindner kulminierte schließlich darin, dass er vor laufenden Kameras ein „Schuldeingeständnis“ ablegte, in dem er formulierte, dass es an ihm läge, dass er wohl nichts durchhalten könne.

Als Zuschauerin kommt einem dann doch Foucault in den Sinn. An einem jungen Mann wird öffentlich eine Demütigung (Strafe) von einem liberalen Wirtschaftspolitiker exekutiert.

Lindner versuchte dabei wohl die „Stimme des Volkes“ zu repräsentieren, bzw. erst zu konstruieren (die Bürger, die mit gezahlten Steuergeldern den nicht-lohnarbeitenden Teil der Bevölkerung unterstützen). Als Anwalt der „Leistungsträger“ packte er dann durchaus mal die Peitsche aus.

Das Steuergelder an anderer Stelle für weitaus fragwürdigere Dinge ausgegeben werden, blieb dabei unbenannt. Die polaren Positionen innerhalb der Diskussion waren zwischen Habeck und Lindner und bestanden im Wesentlichen in der Frage, ob Arbeitlose durch Anreiz oder Strafe in Arbeit gebracht werden sollen. Den Stein des Anstoßes für die Diskussion bot dabei eine vor dem Verfassungsgericht anhängige Klage, die eine auf Grund von Sanktionen verhängte Kürzung des Existenzminimums (Hartz IV) in Frage stellt.

Bei Verweigerung der Kooperation mit dem Jobcenter kann bis dato der „Leistungsbezieher“ unter das Existenzminimum gekürzt werden. Die Folge davon ist, dass die Existenz eben nicht mehr „gesichert“ ist. Das Kriterium der „Verweigerung der Kooperation“ ist, wie auch in der Sendung deutlich wurde, oft eine Frage der Auslegung durch den konkreten Sachbearbeiter. Darüber hinaus können Fehler im bürokratischen Prozess, Missverständnisse aufgrund von Sprachbarrieren u.a. zu Sanktionen führen.

Eine einhellige Kritik galt nur dem aufgeblähten bürokratischen Apparat des Hartz-IV-Apparats, eine grundsätzliche Kritik wurde kaum geübt. Das lag vielleicht auch an der Auswahl der Gäste, bei denen neben Betroffenen und Politikern als „Stimme von Außen“ nur eine Journalistin der Wirtschaftswoche geladen war. Damit war wohl kaum die Betrachtung eines menschenrechtlichen Gesichtspunktes gewährleistet.

Bei der Betrachtung der Sanktionsmaßnahmen wurde immer wieder die Anzahl der von Sanktionen Betroffenen mit 3% genannt, was damit erstmal als relativ gering erschien. Weiterhin wurde behauptet, dass eine Kürzung von 100% nicht stattfinde, was schlicht unwahr ist, wie sich jeder Wiedereingliederungsvereinbarung entnehmen lässt.

Eine fundamentale Opposition blieb aus. Eine grundsätzlich andere Betrachtung hätte beispielsweise zu Bedenken gegeben, dass eine wirkliche Vollbeschäftigung in der Geschichte nie eingetreten ist, d.h. auch, dass es Arbeitslosigkeit immer geben wird, und dass es darum ginge, solidarisch mit diesem Umstand umzugehen. Oder auch, dass die derzeit behauptete Vollbeschäftigung insofern in Frage zu stellen ist, als das, im Sinne eines Rechenspiels zahlreiche Arbeitslose in kostspielige Maßnahmen (von unterschiedlicher Qualität) gesteckt werden und damit aus der Statistik herausfallen, ebenso ein Teil der „Aufstocker“. Ein anderer Aspekt, eine neue Dimension, hätte sich auch daraus ergeben zu thematisieren wie Arbeits-los die Arbeistlosen eigentlich sind. Viele leisten Sorge-, Pflege- und Erziehungsarbeit oder sind ehrenamtlich aktiv.

Alle diese Fragen wurden nicht gestellt und damit eine gesellschaftliche Debatte auf ihrem niedrigsten Niveau gehalten.

Eine masochistische Angelegenheit…

Grand Hotel Abgrund*

Happy Birthday IVI!**

Erinnerungen an einen utopischen Raum

#ivi #institut für vergleichende Irrelevanz

Beim Betreten des Institut für vergleichende Irrelevanz grüßt ein Herr in einem auberginefarbenen Anzug auf fränkisch „Willste Dabak, isch hab auch ein klein’ Ebbelwoi“ (ein Angebot, dass sich am frühem Nachmittag kaum ausschlagen lässt).

Sowohl der Anzug, als auch der Herr, hatten sicher schon bessere Zeiten gesehen. Aus dem Keller kroch ein seltsamer Mix aus Moder und Schnaps.

Im Eingangsbereich lag ein ungeöffneter Brief zwischen Staub, alten Plakaten, eingetrockneten Bierpfützen und Zigarettenstummeln. „Ihr habt Post bekommen“. Der Herr, der wohl als eine Art Portier fungierte, sah das offenbar nicht als sein Geschäftsbereich an.

„Gannst ruhig aufmachen“. Der Brief begann mit „Liebe Scarlett! Warum beachtest du mich nicht mehr? Das kannst du mir doch nicht antun!“ Er enthielt also ein jammerndes Endlos-Lamento: Scarlett beachtet ihn nicht. Scarlett beantwortet seine Briefe nicht. Ob sie ihn denn einfach vergessen habe?

Auf dem jeden Montag stattfindenden Institutsplenum wurde versichert, dass es keine Scarlett am Institut gäbe. Vielleicht hatte der Schreiber einfach zu oft „Vom Winde verweht“ geguckt? Oder war selbst etwas durch den Wind?

An einem anderen Tag sollte der IVI-Hörsaal (liebevoll Stalingradsaal genannt) für eine Veranstaltung vorbereitet werden. An der Tür prangte ein großes Schild „Vorsicht! Hunde im Saal!“. Während die Veranstalter noch unschlüssig vor der Tür verharrten, schlich der Portier herbei. „Das sind die Hunde von Klein-Alex!“ „Und was machen die im Saal?“

Nach einem längeren Verhör kam heraus dass der fränkische Portier sich von einem 17-jährigen Teenager, dem der Hauch einer jugendlichen Mike-Jagger-Attitüde anhaftete, hatte überreden lassen den Hundesitter zu machen. Erst zwei Stunden zuvor war er von verschiedenen Zeugen gesichtet worden, als er von den Hunden durch den benachbarten Stadtteil geschleift wurde.

„Die haben einfach net gehört“ Als die Saaltür probeweise einen Spaltbreit geöffnet wurde, rannten zwei ausgewachsene Bestien in hohem Tempo bellend, mit gefletschten Zähnen auf den Eingang zu. „Gein Problem“ meinte daraufhin der Franke, „Isch hab die Delefonnummer von Klein-Alex“.

Am Telefon meldete sich der Vater von Klein-Alex und es entwickelte sich folgender Dialog.  „Wir sind hier ein Institut, man kann hier nicht einfach Hunde abgeben!“ „Welche Hunde?“ Jedoch gerieten dem Anrufer die Hunde zu einem „Hu-Hu-Hu-Hu“. Womit das Gespräch final an seiner Sinnlosigkeit scheiterte und in einem unkontrollierten Lachanfall endete.

Das Drama im Hörsaal nahm schließlich ein Ende als ein Institutsfreund, der über ausreichend Lebenserfahrung als Türsteher, Amateurboxer und Aushilfskellner verfügte, die Bühne betrat. Kurzum: Der ideale Retter in der Not.

Todesmutig betrat der Held den Saal. Mit psychologischen Fingerspitzengefühl näherte sich der Hundeflüsterer den Bestien mit einem Wassernapf in der Hand und sprach sie mit Kosenamen an „Na meine Wauzelchen! Was ist denn los? Haben die euch eingesperrt? Ja, ihr habt Durst! Ich bin ja jetzt da!“. Die Hunde waren wohl auch nach dem längeren Saalaufenthalt nicht mehr ganz so gut drauf, und es nahm längere Zeit in Anspruch, bis das aggressive Gekläff erlahmte.

An einem anderen Tag standen zahlreiche Bücherkisten vor dem Institutseingang. Die durchaus brauchbaren Wälzer wurden vom ortsansässigen Hobbybibliothekar sofort in die Instituts-Bibliothek integriert. Das dazugehörige Schreiben gab allerdings Rätsel auf:

Liebes Institut,

ich habe euch hier eine Auswahl aus meiner Bibliothek zur Verfügung gestellt.

Ich hoffe ihr habt Freude daran.

Sollte euch meine Spende gefallen, sagt einfach Bescheid.

Euer Herr Tulpe

Leider hatte Herr Tulpe vergessen seine Anschrift und seine Telefonnummer hinzuzufügen. So dass sich das Institut nie bedanken und auch nicht um weitere Bücher für die Bibliothek bitten konnte.

Also Lieber Herr Tulpe, nachträglich noch mal ein dickes Dankeschön, wenn Sie das hier jetzt lesen, ihre Spende war großartig! Und wenn es das Institut noch gäbe, hätte es sicher auch noch weitere Spenden in seinem Refugium unterbringen können.

*Der Titel geht zurück auf eine IVI-Veranstaltungsrezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ursprünglich wurde „Grand Hotel Abgrund“ für das Exil-Personal des Instituts für Sozialforschung nach seiner Flucht vor den Nazis in die USA verwendet. Das Kompliment der FAZ wurde im Plenum mit Wohlwollen aufgenommen.

** Am 3. Dezember 2003 wurde das Universitätsgebäude im Kettenhofweg 130 besetzt und die folgenden Jahren als selbstverwaltetes Kulturzentrum genutzt. Nach dem Verkauf an einen privaten Investor wurde das Gebäude im April 2013 geräumt.

Grand Hotel Abgrund*

Deutschland volkt sich um

 

 

In trüben Zeiten gibt es auch immer wieder gute Nachrichten. Von Nazis und anderen Volksfreunden bejammert, ist die deutsche Bevölkerung nicht mehr ganz so kartoffelhaltig, wie sie es zu Führerzeiten einmal war. Während die Rechten vor einem Bevölkerungsaustausch warnen, siehe Victor Orbán, ist das doch vielmehr ein Signal in freudigen Jubelgesang auszubrechen.

Bei Licht betrachtet ist die Umvolkung ein bereits seit Jahrhunderten stattfindendes Phänomen. Die erste Umvolkung fand statt als der Homo Sapiens den Neandertaler verdrängte. Die Kelten wurden durch die Römer vertrieben. Die Römer durch die Germanen, Franken und Sachsen (was zugegebenermaßen ein schwerer kultureller Rückschlag war).

In der Bundesrepublik wurde nach dem 2.Weltkrieg durch Amerikaner, Franzosen, Engländer und Russen weiter fleißig umgevolkt, was zumindest in Westdeutschland einen positiven Effekt zeitigte. Die verbiesterten Deutschen sind heute (im Ganzen betrachtet) nicht mehr ganz so unerträglich und haben dadurch minimal an Charme gewonnen (so in etwa von +/-0 auf 3+).

Die Umvolkung scheint jedoch an manchen Orten bedenklich ins Stocken geraten zu sein. So überkommt einen doch ein tiefes Bedauern, wenn man deutsche Regionen bereist, die einfach noch nicht richtig umgevolkt wurden.

Noch schlimmer! Die Umvolkung ist dort gänzlich an ihnen vorbeigegangen! Verschrumpelte Hessen (insbesondere kartoffelförmige Gestalten aus der Wetterau), krummbeinige Sachsen und debile Bayern halten weiterhin ganze Landstriche besetzt. Es geht ja auch darum die kommenden Generationen vor dem traurigen Schicksal ihrer Ahnen zu bewahren!

Ziel wäre es die deutsche Bevölkerung durch Zuzug systematisch aufzusüden. Zuerst müsste freilich der Umvolkungsbedarf ermittelt werden, um zu schauen, in welchen Dörfern zwingende Maßnahmen ergriffen werden müssen (also eigentlich überall).

Ein Vorschlag zur Güte: Man könnte die geplanten Ankerzentren umfunktionieren um dort knubbelige Hessen, trinkfeste Bayern, maulfaule Schwaben und redselige Franken zu sammeln und sie für die Umsiedlung nach Afrika zu sortieren (der Bedarf dort müsste eben ermittelt werden). Das Kongobecken wartet gewiss auf streitlustige Niedersachen, säuerliche Sauerländer und lebensfrohe Pfälzer. Im Gegenzug kämen schlanke Massai, wohlgebaute Senegalesen und zierliche Pygmäen um die Umvolkung – nur eben nach ästhetischen Maßstäben – voranzustreiben. Ein klarer Fall fürs Heimatminsterium! Greifen Sie durch, Herr Seehofer!

Deutschland volkt sich um

Wahlkampf in Hessen

#hessenwahl2018

SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel, baut Ikearegale auf, liest kleinen Kindern Geschichten vor; darunter der Wahlslogan„Zukunft jetzt machen“. Der unauffällige Politiker soll als „Macher“ präsentiert werden. Wäre es nicht klüger, ihn als Planer und engagierten Sozialpolitiker zu inszenieren? So setzt sich Schäfer-Gümbel für die Anhebung der Erbschaftssteuer (zur besseren Finanzierung von Bildung) und gegen Steuervermeidung von Unternehmen ein.

Die Plakate von Grünen und FDP sind fast identisch in der Farbwahl (rosa-gelb-grün und rosa-gelb-blau), womit Modernität und Jugendlichkeit vermittelt werden soll. Auch die Slogans scheinen auf eine junge Wählerschaft abzuzielen „Grüne Vernunft gestaltet geiler“. Böse Zungen bezeichnen die grüne Mittelstandspartei bereits heute als „FDP für Mülltrenner“, was auf einen gewissen Abstand der Partei zu sozialen Wirklichkeiten anspielt. Die von der SPD vorgeschlagene Verfassungsänderung in Hessen, die die Kostenfreiheit von Bildung festgeschrieben hätte (kostenfreie Kitas und das Verbot von Studiengebühren), wurde u.a. von den Grünen abgelehnt.

Die Wahlerfolge der Grünen sind darauf zurückzuführen, dass selbst in Bayern bis ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist, dass Klimaerwärmung und andere Phänomene der Umweltverpestung dringend Gegenmaßnahmen erfordern. Die Grünen scheinen den Wählern schon allein durch ihren Namen ein zuverlässiger Garant dafür zu sein. Aber ist das so?

So hatte die Partei erst die Abholzung des Hambacher Forsts mitbeschlossen, um dann, nachdem sie wieder ihren Platz in der Opposition hatte, sich an den Protesten zu beteiligen. Auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht wegen seiner Nähe zu Positionen der Autoindustrie und der Durchsetzung von Stuttgart21 in der Kritik. Die Gewinne der Grünen lassen sich vielleicht auch damit erklären, dass sie im Gegensatz zu Linkspartei und SPD momentan keine Richtungskämpfe austragen. Manch einer mag das als positiv bewerten.

In Bezug auf Migrationspolitik sind die Grünen zumindest halbwegs glaubwürdig, da sie sich bisher nicht von der allgemeinen AfDisierung anstecken ließen und auch nicht Gefahr liefen, die soziale Frage gegen Migrantenrechte auszuspielen. Das hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass soziale Ungleichheit für die Partei nicht im Zentrum ihrer Politik steht. Ein Kapitel für sich sind die Umtriebe des Tübinger Oberbürgermeisters Palmer, ebenso die Zustimmung einiger grüner Politiker zur Ausweitung der „sicheren Herkunftsländer“.

Soziale Themen wie z.B. Kinderarmut werden dafür von der Linkspartei aufgegriffen mit Slogans wie „Mehr für die Kleinen“. Die Losung „Mehr für die Mehrheit“ ist dagegen etwas irritierend. Wer ist die Mehrheit? Rentner? Angestellte? Studierende? Arbeitslose? Unbelehrbare?

In Deutschland sind etwa 20% der Bevölkerung von Armut betroffen oder armutsgefährdet, das sind erschreckend viele, aber um eine Mehrheit handelt es sich auch hierbei nicht.

Mit „Bezahlbare Mietwohnungen schaffen“ thematisiert die SPD immerhin einen (weiteren) Notstand. Paradoxerweise hat sie aber den Vorschlag der Linkspartei, der für die Verfassungsänderung ein „Recht auf Wohnen“ vorsah, nicht unterstützt.

In der FDP begegnet uns die schon seit 200 Jahren existierende Tradition der Wirtschaftsliberalen, die mit dem Ruf nach Freiheit, vor allem eine Freiheit des Wirtschaftens durchsetzen wollen. Für Wirtschaftsliberale gilt meist: Unterschiedliche soziale Startbedingungen werden negiert. Der Erfolg des Einzelnen ist natürlich ausschließlich auf seine Tüchtigkeit zurückzuführen, wenn man von Aktienpaketen, Immobilien, Bildungsprivilegien dank kostspieliger Ausbildung etc. einmal absieht (was die Partei selbstverständlich tut)… Schon Marx hatte mit dieser Spezies zu tun. Er bezeichnete sie u.a. als „Freihandelsapologeten“.

Die CDU wirbt mit dem Slogan „Damit Hessen stark bleibt“ brüstet sich mit „So vielen Polizisten wie noch nie“ und proklamiert „Wurzeln erhalten, Zukunft gestalten“. Landesvater Volker Bouffier wirkte in letzter Zeit in Vergleich zu anderen CDU-Politikern beinahe wie ein milder Weihnachtsmann. Im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen hatte er sich nicht von Kanzlerin Angela Merkel distanziert und auch nicht versucht, AFD-Positionen schnellstmöglich einzuholen. Die Wahlkampagne weckt dennoch den Verdacht, dass autoritäre Gelüste angesprochen werden sollen, nämlich bei jenen, die sich von einem starken Patriarchen mit großem Polizeiaufgebot sicher in die Zukunft geleitet fühlen.

AFD-Plakate sind zumindest im Frankfurter Innenstadtbereich kaum zu finden. Zur letzten Veranstaltung Mitte Oktober, die von Rechten organisiert wurde, kamen in der Stadt am Main ganze 8 Teilnehmer. Leider sehen die Prognosen für die AFD auch für die Landtagswahl in Hessen im Vergleich dazu anders aus. Mit 14% sollen sie in den Landtag einziehen. So trifft wohl auch für die hessische Bevölkerung zu, dass rassistische und demokratiefeindliche Positionen unterstützt und ihnen dadurch zu einer Repräsentation in den Institutionen verholfen wird. Abgesehen von der Förderung des Personals durch Steuergelder.

Wahlkampf in Hessen

Frankfurt Buchmesse 2018 Foto-Love-Story

 

Die Frankfurter Buchmesse ist auch immer eine Chance alte und neue Liebe zu treffen.

Irgendein Online Buchvertrieb schickte derweil Schaumherzen in den Himmel und lieferte damit bilderhungrigen Fotografen herzige Motive.

Herzchen1

Ein bisschen mystisch ging es im Georgien-Pavillion zu: Ein abgedunkelter Raum und sphärische Klänge. Die elektronische Klangtapete, zusammengesetzt aus georgischen Sprachsamples, erinnert ein bisschen an Hildegard von Bingens Kompositionen.

 

Der georgische Dichter Zviad Ratiani trug mit hoher Intensität seine expressionistischen Gedichte vor. Neben Reflektionen darüber, was es bedeutet ein Schriftsteller zu sein, wurden auch existenzielle Fragen gestellt. „Solange ein Mensch nicht weiß, wann er sterben wird, wird die Poesie existieren“ übersetzt die Moderation.

Zviad Ratiani

Zur Stärkung gab es dann georgisches Essen: Tschaschuschuli und Chatschapuri (Eine Art Rindergulasch mit Koreander und gebackenes Käsefladenbrot). Eine menschenfreundliche Bedienung gibt den hungrigen Messebesuchern besonders große Portionen.

Georgisches Essen

 

Auf dem Weg in den Sonnenschein, wurden weiter unablässig Schaumherzen produziert.

Herzchen3

Die Chill-Out-Area war den ganzen Tag über stark frequentiert.

Chillen auf der Buchmesse

Am Frankfurt Pavillion gab es Kräuterbonbons für die Stimme, damit die frisch geschmierten Stimmbänder den Gesprächsmarathon stand halten konnten.

Frankfurt Pavillion1

Renommierte Kunstwerke aus der Katzenperspektive am Japanstand bei den internationalen Verlagen.

Katzenkunst

Katzenkunst2

 

Ohne sie würde die Buchmesse wohl zunehmend vergreisen. Die Cosplayer sind der bunte Farbklecks, die an den Besuchertagen in Scharen einfallen.

Cosplay Einhorn Buchmesse

Ende eines Buchmessentags: Gegen 17h war auch der ambitionierteste Besucher von der Erschöpfung dahingerafft (besonders originell ist die herunterhängende Socke).

Ende eines Buchmessentags

Und am Himmel schwebten die letzten Herzchen dahin….

Herzchen5

 

Im goldenen Oktoberlicht sind viele der Bäume an der Messe mit Pflückgedichten behängt. Ein Wiener Zetteldichter betätigt sich schon seit Jahren als poetischer Aktivist „Nie sich so anpassen, dass dir alles passt, was man dir verpasst: Sonst verpasst du alles.“

Pflückgedichte

Frankfurt Buchmesse 2018 Foto-Love-Story