Kein Lustgewinn – Ein Gang durch die neue Altstadt in Frankfurt

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Zwischen Schirn, Kunstverein und Römerberg wurde die im 2. Weltkrieg zerstörte Frankfurter Altstadt wieder neu aufgebaut. Die Gestaltung bewegt sich zwischen Rekonstruktion und Postmoderne: Rekonstruiert wurden vor allem die Ensemblekombinationen und die Gebäudeanmutungen. Am weitestgehenden wurde die Fassade des Gasthauses „Haus zur goldenen Waage“ wiederhergestellt – oder imitiert. Zur Bauweise wird auf der Internetseite der „DomRömer GmbH“ geschrieben, es handle sich um eine „zeitgemäße Fachwerkbauweise“, was auch immer das heißen mag.

Vor wenigen Wochen eröffnet, wird die neue Altstadt am Samstagnachmittag vor allem von Touristen und Neugierigen beguckt. Wenn man das Gebiet von der Domseite betritt, sieht es fast so aus, als würde das neue Stadthaus dem Dom einen Kinnhaken verpassen. Die Bebauung ist ziemlich dicht und die Chance eines urbanen Platzes wurde (mal wieder) verpasst.

Neben dem Stadthaus steht das „Haus zur goldenen Waage“. Das Fachwerkhaus mit zahlreichen Goldornamenten und Figuren erinnert stark an eine Kuckucksuhr.

Kuckucksuhr_Goldene Waage

Wenn man über den „Krönungsweg“ ins Innere des Areals geht, fällt auf, dass weitgehend die Baustruktur übernommen wurde, die bereits für den Römerberg besteht: Die meisten der Häuser haben einen roten Sandsteinsockel. So ziemlich in der Mitte findet sich der Friedrich- Stoltze-Platz. Der Brunnen mit Stoltzes Büste wurde vom Liebfrauenberg hierher versetzt.

Stolze2

Sein missmutiger Blick liegt nun auf den Neubauten. Am Rand des Platzes sitzt ein Flaschensammler, also doch ein Stück Urbanität.

Fast könnte man meinen, man sei in der Innenstadt von Bad Vilbel gelandet – als habe die Stadtreinigung noch 2 Minuten vorher den letzten Papierschnipsel aufgesammelt.

Die Bad-Vilbel-Anmutung ergibt sich nicht nur aus der keimfreien Sauberkeit und den vandalismusresistenten Materialien. Die zahlreichen Statuen und Figürchen wirken wie angeklebte Zitate. Lackierten Holztüren, aus dem Baumarkt, Abteilung Antik, stimmen den Betrachter nicht fröhlicher. Der Leierkastenmann, der versucht die Stimmung anzukurbeln,

macht das Jammerbild komplett. Das alles macht Lust auf die ehrliche Scheußlichkeit der Konstablerwache. Ob zukünftige Römerbergtouristen das auch so sehen, bleibt fraglich.

Insgesamt bleiben die Begeisterungsstürme einiger Zeitungsjournalisten eher unverständlich. Als Hoffnung bleibt vielleicht, dass gnadenspendende Dieselabgase, Efeu, wilder Wein, oder Graffiti die geputzen Fassaden mit der Zeit vermenschlichen.

Kein Lustgewinn – Ein Gang durch die neue Altstadt in Frankfurt

Der Untergang des Popo-Brötchens?

 

 

 

Mit arglosem, wenn auch leicht banalem Ausdruck liegt es da, nichts ahnend, dass es vielleicht eines der letzten seiner Art ist: Das Popo-Brötchen.

Popo-Brötchen

In den einheimischen Bäckereien wurde es zunehmend verdrängt und ersetzt durch andere Brötchengattungen. Sein schärfster Rivale war dabei wahrscheinlich das Baguettebrötchen. Der deutsche Popo besiegt, oh Weh, durch den Erbfeind. Der Franzmann, mit seinem geschliffenen Charme und seinem weltmännischen Gehabe hat dem unverfälschten und jedem Schein abholden deutschen Gebäck die Schau gestohlen. Und nicht nur das, keiner hat es gemerkt!

 

Es war auch nicht seine Art sich zu beklagen, nein, sollten sie doch dem Franzosen hinterher laufen, und an dessen Goldhintern knabbern. Es würde nicht weinen – nicht zetern (jede Theatralik lag ihm fern) kein Wort würde seinen Backen entweichen. So litt es still, aber mit echtem Gefühl. Dann aber, wenn es nicht mehr da, nirgends mehr zu finden wäre, dann würde das Geschrei groß sein, dann wäre es an ihnen zu klagen. Sein argloses Antlitz, das sie stets mit seiner Unschuld bezauberte und sie (vielleicht unbewusst) an andere (geliebte) Kehrseiten denken ließ, wäre nun endgültig vom deutschen Frühstückstisch verschwunden.

 

Ehedem tauchte der Studienrat noch des Morgens seine Semmel in den Kaffee, und davor hielt er stets für einen Moment inne und betrachtete sein Glück. Sah das nicht fast aus wie, ja genau, wie der Hintern von Frau Finkenbrink, die ihm neulich auf dem Flur so symphatisch zugelächelt hatte. Erst sie, und als sie sich umdrehte, schien es ihm fast, als ob…auch…na so ein Käse, denkt der Studienrat, aber schön war’s trotzdem!

Und auch Frau Riebnaczek steckt beim Bäcker ihr Brötchen in die Tasche und denkt dabei an diesen Schauspieler, na, wie hieß er doch gleich, und ein Lächeln geht über ihr Gesicht.

 

Oder ist es gar eine ganze Form, die hier im Orkus der Geschichte verschwindet? War nicht früher die menschliche Kehrseite in der bildenden Kunst wesentlich präsenter, ein in allen Varianten durchexerziertes Motiv, beispielsweise in Form der Aphrodite Kallipygos, oder der blonden Odaliske von François Boucher.

 

Steckt dahinter gar eine geheime Popo-Abwehr? Ja sagen Sie mal, ist ein Arsch denn heute gar nichts mehr wert?

 

Aber so ist es ja gar nicht, zumindest in der Frisurenwelt scheint sich die holde Form hinübergerettet zu haben. Schon früher war es sehr in Mode kleinen Mädchen einen Mittelscheitel zu ziehen, und diesen dann mit Spangen links und rechts festzustecken.

Popo-Frisur

 

Und Prinzessin Kate aus Wales scheint mit ihrem royalen Mittelscheitel, respektive Popo-Scheitel, respektive Madonnenscheitel zum modischen Vorbild für Viele geworden zu sein (zuletzt wohl für ihre frisch gebackene Schwägerin). So lässt sich feststellen, dass die Monarchie letztlich doch zu etwas nütze ist: Sie rettet eine vom Aussterben bedrohte Form!

Königsfamilie

Der Untergang des Popo-Brötchens?

Auschwitz im Gedächtnis der Menschheit

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Unterlagen des 1. Auschwitzprozesses werden in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen

 

 

Vor 55 Jahren, 1963, hatte in Frankfurt der Auschwitzprozess begonnen. Jetzt wurden in einem Festakt im Haus Gallus die Akten und Tonaufnahmen des 1. Auschwitzprozesses in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. In dem Prozess wurden Schuldige angeklagt, die sich bis zu diesem Zeitpunkt als bloße Befehlsempfänger dargestellt hatten, und in der deutschen Bevölkerung als Normalbürger untergetaucht waren. Die strafrechtliche Untersuchung der in Auschwitz (dem größten Konzentrations- und Vernichtungslager des Nationalsozialismus) begangenen Verbrechen, wurde damit zum Auslöser einer bundesweiten öffentlichen Debatte und stellte eine Zäsur in der bundesrepublikanischen Gesellschaft dar.

 

Begonnen hatte der Prozess in den 60er Jahren im Rathaus Frankfurt. Er wurde jedoch bald in das Haus Gallus verlegt – Die Erinnerungsfeierlichkeiten fanden also am historischen Ort statt.

 

Übergeben wurde die Urkunde von der Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Verena Metze-Mangold an den hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst, Boris Rhein. Ausgerichtet war der Festakt vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Landesarchiv Wiesbaden, das für die Aufbewahrung und Erhaltung der Unterlagen verantwortlich ist.

Als wichtigste Gäste wurden die Vertreter der Frankfurter jüdischen Gemeinde und des Landesverbands, und die Vertretung der Sinti und Roma in Hessen begrüßt, aber auch einer der damaligen Staatsanwälte des Auschwitzprozesses Gerhard Wiese.

Daneben waren Vertreter der Justiz und Gäste aus dem Landtag geladen, Außenminister Heiko Maas wurde durch Andreas Kindl (Auswärtiges Amt) vertreten.

 

Die UNESCO-Vertreterin Verena Metze-Mangold forderte dazu auf, Erbe und Herkunft nicht als Mittel der Abgrenzung zu instrumentalisieren. Vielmehr sei eine Entwicklung hin zu vielfachen Identitäten zu beobachten, die eine „global citizenship“ nahelegen würden. Gerade in Zeiten sich rasch wandelnder Gesellschaften, müsse die Erinnerung an Auschwitz wach gehalten werden.  Die Dokumentation der Auschwitzprozesse sei ein Zeichen, und ein Mittel für die Möglichkeit der Selbstaufklärung. Die digitalisierten Tonbandaufnahmen des Auschwitzprozesses seien schon des längeren auf der Internetseite des Fritz-Bauer-Instituts verfügbar. Sie seien auch als Mahnung zu verstehen, dass die Haut der Zivilisation dünn sei.

 

Andreas Kindl zitierte Außenminister Heiko Maas, der in seiner Antrittsrede zum Außenminister bekannte, er sei wegen Auschwitz in die Politik gegangen.

Die UNESCO als Sonderorganisation der UN habe sich bereits in ihrer Präambel auf Auschwitz als „Verbrechen gegen die Menschheit“ bezogen. Die Verbrechen seien erst möglich geworden durch die Ausnutzung von „Unwissen und Vorurteilen“. Mit den Auschwitzprozessen habe erst die eigentliche Auseinandersetzung mit der Rolle der Deutschen im NS stattgefunden als „Mittäter, Billigende und Duldende“. Andreas Kindl betonte, dass ohne das Engagement von Fritz Bauer der Prozess „nicht denkbar“ gewesen wäre, und verwies damit auf die Bedeutung des Einzelnen an der Gestaltung der Gesellschaft. Auch die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshof der UN stehe mit den Frankfurter Prozessen im Zusammenhang. Kindl schließt wiederum mit einem Zitat von Heiko Maas: „Die Erinnerung darf niemals enden“.

 

Der hessische Kultusminister Boris Rhein betonte, dass mit dem Prozess die Verantwortung der Einzelnen für begangene Verbrechen durchgesetzt worden sei. Die Rechtfertigungsstrategie, man sei nur ein „Rädchen im Getriebe“ gewesen, sei somit nicht mehr akzeptiert worden. Der größte Prozess der deutschen Strafjustiz sei auf ein breites öffentliches Interesse gestoßen, aber auch auf erhebliche Widerstände. Fritz Bauer habe beispielsweise zahlreiche Drohbriefe von Bürgern erhalten. Bauer habe sich die Feindseligkeit damit erklärt, dass „nicht nur 22 Personen auf der Anklagebank säßen, sondern 22 Millionen“. Die Menschen hätten sich in den Tätern wiedererkannt. Mit dem Prozess sei die Beteiligung „bürgerlicher Existenzen“ an den Verbrechen in den Fokus gerückt. Rhein nennt „Krankenpfleger, Bäcker, Bankangestellte und Nachbarn“, als Auswahl aus der Berufsliste der Angeklagten.

Dass Rhein dabei auf die Erwähnung der akademischen Berufe von Angeklagten verzichte- wie Lehrer, Apotheker, Arzt und Zahnarzt – wirkt (gelinde gesagt) seltsam.

 

1963 habe Bauer versucht, die Verantwortung und Mitschuld für alle am Vernichtungsprozess Beteiligten durchzusetzen. Dafür habe es aber damals noch keine rechtliche Grundlage gegeben. Erst 2011 sei es zu einer dementsprechenden gesetzlichen Änderung gekommen. Bei dem Prozess habe dies dazu geführt, dass auch ranghohe Angeklagte nur für die Mithilfe zum Mord verurteilt wurden.

Rhein schneidet auch das Thema zum Antisemitismus in der heutigen Gesellschaft an, und tut dabei (ganz nebenbei) den Ausspruch, dass es auch „für Zuwanderer keine Ausnahme geben könne“. Durch das Herausgreifen der Zuwanderer als Problemgruppe in Bezug auf Antisemitismus bedient der Minister allerdings (nebenbei) Ressentiments gegen Minderheiten.

 

Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard ging es um das kollektive Gedächtnis von Gesellschaften und um die Frage, was passiere, wenn Geschichte vergessen oder verdrängt würde, und wie sich entscheide, was erinnert wird. Als Beispiele nannte er den Assuan Staudamm, die Plünderung des Nationalmuseums in Bagdad, das Nationalmuseum in Sarajevo, und die Zerstörung alter Handschriften in Mali. Oft gehe es bei solchen Zerstörungen um den Versuch die kulturelle Identität Anderer zu vernichten. Bei der Aufnahme der Prozessdokumente in das Weltkulturerbe gehe es vor allem darum, den Opfern ihre Würde zurückzugeben. Die Stimmen der Opfer würden hörbar.

 

Er selbst habe damals als Schüler den Prozess besucht. Der angeklagte Robert Mulka habe eine ganz ähnliche Haltung eingenommen wie Adolf Eichmann und seine eigene Rolle heruntergespielt; „Ich bin nur ein kleiner Mann, ich musste meine Befehle ausführen“.

 

Im Anschluss wurden Tonaufnahmen von Zeugen im Auschwitzprozess eingespielt:

Ein Zeuge berichtete von den Selektionen an der Rampe und dem Transport von Zyklon B in Rotkreuzwagen, eine Schreiberin schilderte den Bau der Rampe im Jahr 1943, ein Arzt berichtete vom Selektionsprozess an der Rampe, an dem sich der Angeklagte Apotheker Dr. Capesius beteiligte. Die Frau des Arztes und seine Kinder wurden ermordet, er sah sie dort zum letzten Mal.

Dr. Capesius war als Vertreter der IG-Farben Industrie im Lager und am Selektionsprozess beteiligt, noch im Prozess habe er versucht, sich als unschuldigen Apotheker darzustellen.

 

Erst 1979 sei die Verjährung von Mord im Bundestag aufgehoben worden, so dass eine weitere Verfolgung der Täter möglich wurde.

 

Der Justizminister Lauritz Lauritzen habe die Tondokumente des Prozesses gerettet, ursprünglich hätten sie gelöscht werden müssen, da sie nur als Gedächtnisstütze für das Gericht gedacht waren.

 

Prof. Dr. Andreas Hedwig, Präsident des Hessischen Landesarchivs, wies darauf hin, dass der Ausgangspunkt des Prozesses eine Strafanzeige in Stuttgart gegen den Angeklagten Bogner gewesen war. Das hessische Landesarchiv sei im übrigen nicht nur Aufbewahrungsort für die Dokumente des Auschwitzprozesses, sondern habe einen umfangreichen Bestand an Akten aus der NS-Zeit.

 

Die Veranstaltung wurde musikalisch eingerahmt durch das Rheingauer Streichquartett, das Werke von Béla Bartók, Sergei Prokofjew, Miroslav Skoryk und Chiel Meijering spielte. Die Werkauswahl und die Umsetzung wurde vom Publikum mit großem Applaus gewürdigt. Schon beim eröffnenden Stück „Caixa de Dolçosvon Chiel Meijering“ traten manch einem die Tränen in die Augen.

Tondokumente des Auschwitzprozesses auf der Seite des Fritz-Bauer-Instituts: http://www.auschwitz-prozess.de/

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Saalbau Gallus/Haus Gallus

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Von links nach rechts: Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Prof. Dr. Verena Metze-Mangold, Andreas Kindl, Gerhard Wiese, Boris Rhein, Prof. Dr. Andreas Hedwig

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Auschwitz im Gedächtnis der Menschheit

Im Detail gelungen, im Wesentlichen gescheitert

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Marx-Schau im Rheinischen Landesmuseum

Marx’ Geburtsstadt Trier widmet dem Theoretiker und Revolutionär zu seinem 200. Geburtstag gleich mehrere Ausstellungen. Diese späte Liebesbekundung ist insofern amüsant, als Marx seine Geburtsstadt nie eines Wortes gewürdigt hat. Während beispielsweise Berthold Brecht seiner Geburtsstadt Augsburg zumindest ein böses Bonmot angedeihen ließ („Das schönste an Augsburg ist der Zug nach München“) blieb der sprachgewandte Marx diesbezüglich auffallend stumm.

Im Rheinischen Landesmuseum Trier ist seit dem 5. Mai die Ausstellung „Karl Marx 1818-1883 Leben. Werk. Zeit“ zu sehen. Die umfangreiche Schau legt großen Wert auf die historische Kontextualisierung. So wird parallel zur Lebens- und Werkgeschichte des ökonomischen Philosophen, das 19. Jahrhunderts zeitgeschichtlich nachgezeichnet.

Die Anerkennung der im Code Napoléon gewährten Rechte (wie die Gewerbefreiheit) durch Preußen, begünstigte den wirtschaftlichen Aufstieg des Bürgertums. So konnten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Industriedynastien entstehen.

In den ersten Räumen der Ausstellung werden Werdegänge von Industriefamilien, wie der Krupps und der Borsigs vorgestellt. Die Erfolgsgeschichten der Industriellen stehen dabei allerdings im krassen Gegensatz zum Elend der Massen. Von der Industrialisierung profitierte die Bevölkerung insgesamt erst einmal nicht – vielmehr geschah das Gegenteil – die Verelendung nahm zu.

Symbolhaft wird dabei die Situation der Weber dargestellt. Die Ballade von Heinrich Heine „Die schlesischen Weber“ und ein gleichnamiges Ölgemälde von Carl Wilhelm Hübner dienen dabei als „Bebilderung“. Hübners Bild zeigt eine Szene zwischen einem Weber und einem Tuchhändler. Der Weber gestikuliert in wilder Verzweiflung, während der Händler ungerührt bleibt.

1942 wurde Marx Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln. In seinen Artikeln befasste er sich auch mit der „sozialen Frage“ und ihrer ökonomischen Grundlage, den Eigentumsverhältnissen. Einer seiner interessantesten Artikel beschäftigt sich mit einer Landtagsdebatte der preußischen Rheinprovinz, dem Holzdiebstahlsgesetz. Das Gesetz verlangte, das Auflesen von Feuerholz als Diebstahl zu bestrafen, was vor allen die Ärmsten traf. Sein Engagement für die Besitzlosen, gepaart mit einer glänzenden Argumentationsführung, brachte ihn bald in den Fokus der preußischen Zensurbehörde.

Nach dem Verbot der Rheinischen Zeitung zog Marx mit seiner Familie nach Paris, von wo er auf Drängen der preußischen Regierung ebenfalls ausgewiesen wurde. 1845 legt er die preußische Staatsbürgerschaft ab und übersiedelte nach Brüssel.

Als 1848 überall in Europa der revolutionäre Funke übersprang, wurde Marx auch aus Brüssel ausgewiesen. Er ging nach Köln und wurde Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Nach dem Scheitern der Revolution wurde Marx 1849 erneut aus Preußen ausgewiesen und flüchtete nach London, wo er bis zu seinem Lebensende blieb.

Dort befasste er sich analytisch mit den Ursachen für das Scheitern der Revolutionen in Europa. Als besonders bedeutend gelten bis heute sein Pamphlet zu Napoleon III (der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte), der 1851 in Frankreich an die Macht kam und sich zum Kaiser krönen ließ. Noch heute wird die Schrift für Forschungen in der Faschismustheorie herangezogen. Ab 1852 war Marx als Europakorrespondent für die „New York Daily Tribune“ tätig und veröffentlichte dort bis 1862 zahlreiche Artikel.

In der Bearbeitung der marxschen Theorie muten einige Aussagen allerdings etwas seltsam an: „Marx kritisiert die ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse. Zugleich bewundert er die Bourgeoisie für ihren Erfindungsreichtum.“ In den Grundkategorien wird Marx’ Absicht damit in sein Gegenteil verkehrt. Der ausbeutenden Klasse (der Bourgeoisie) wird damit eine Leistung angedichtet (entgegen der Marxschen Aussage).

Die zahlreichen Erfindungen des 19.Jahrhunderts wurden aber nicht von der Bourgeoisie (der ausbeutenden Klasse) entwickelt, sondern von Handwerkern oder Wissenschaftlern, die damit bestenfalls als Handlanger der Bourgeoisie bezeichnet werden können. Marx hatte sicherlich keine Bewunderung für die ausbeutende Klasse, sondern vielmehr für die Produktivkraftentwicklung (d.h. die rapide technische Entwicklung) unter kapitalistischen Bedingungen. Dieser Stand der technischen Entwicklung sollte aber, nach Marx, eben von der beherrschten Klasse (dem Proletariat) angeeignet werden, um den Wohlstand für alle zu entwickeln, so dass er eben nicht ausschließlich den Kapitalbesitzern zu Gute kommen würde. Von Bewunderung kann also nicht die Rede sein, vielmehr von der Revolution, d.h. vom Umsturz der Herrschaftsverhältnisse!

Während also die zeitgeschichtliche Bebilderung durch ihre Sammelleidenschaft glänzen kann, bleibt die theoretische Bearbeitung in der Ausstellung doch eher schwach.

Im Detail gelungen, im Wesentlichen gescheitert

Marx im Bratenrock

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Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag von Karl Marx in Trier

Der Weg zu den Festivitäten des Theoriegottes führt durch die gutbesuchte Fußgängerzone. Die öffentliche Aufmerksamkeit der Marx-Sause wird von zahlreichen Gruppen zur Präsentation ihrer Belange genutzt: Hebammen haben Marx mit Klapperstörchen dekoriert, um auf die Probleme ihrer Berufsgruppe hinzuweisen, Falun-Gong-Anhänger in gelben Anzügen protestieren mit Meditationsübungen gegen die chinesische Regierungspolitik, Schilder prangern „Organraub in China“ an.

Auf dem Simeonstiftplatz sind von weitem schon die roten Fahnen der DKP und der SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) zu sehen. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer spricht davon, dass es global betrachtet immer noch zu viele prekäre Arbeitsverhältnisse gebe. Aus dem DKP-Block murrt es „Hierzulande aber auch!“. Zwei Junge Männer rufen „Wer hat Recht? Karl Liebknecht“.

Es folgt die Rede eines chinesischen Delegierten, die übersetzt wird. „Trier hat großartige Persönlichkeiten wie Karl Marx hervorgebracht, und ist deswegen auch bei uns sehr beliebt“.

Ein weiterer Redner weist auf die Wirtschaftskraft Chinas hin, die sich in den letzten Jahrzehnten rapide gesteigert habe. Dafür erntet er Applaus von der Sozialistischen Jugend. Von der anderen Seite tönen Rufe „China – Massenmord“.

Als dann der Baudezernent seine Rede beginnt, macht sich spürbar Unruhe breit (Wann wird endlich der Marx enthüllt?). Er aber beschreibt ausführlich die Planungsphase und lobt den Künstler. Zwischendurch erschallen von einer anderen Seite des Platzes andere Rufe „Weg mit der Schande!“ Muss wohl die angekündigte AFD-Demo sein.

Als die rote Hülle endlich zu Boden sinkt, kommt eine braune Bronzestatue zum Vorschein. Die Figur zeigt einen entschieden nach vorne schreitenden Marx, der in der einen Hand ein Buch trägt, während er die andere am Mantel angelegt hat. Der Mantel reicht bis zu den Knien, und ist, wie der Rest der Figur bratenbraun, und nicht besonders elegant. Für das 19.Jahrhundert ist das Kleidungsstück typisch: Eine Mischung zwischen Hausjacke, Mantel und Jackett, vielleicht auch ein Bademantel – ein universelles Kleidungsstück, dass ganzjährig ganztägig getragen werden kann (und dessen historisches Vorbild extrem speckig gewesen sein muss). Die Vorwärtsbewegung bläht den Mantel, der Wind kommt von links.

Marx sieht entschlossenen und selbstzufrieden aus. Angesichts der Tatsache, dass er sein Gesamtwerk nicht beenden konnte, wirkt dieser Ausdruck verfehlt. Die Figur gleicht vielmehr einem selbstzufriedenen Gymnasiallehrer, der die korrigierten Klassenarbeiten seiner Schüler heimträgt. Marx mag es nicht an Selbstbewusstsein gemangelt haben, aber sein Selbstbewusstsein war anders motiviert.

Nur Minuten später stehen die Besucher vor dem Denkmal an, um ein Selfie mit dem Übervater zu machen. Dazu singt ein Liedermacher in freudig-bewegtem Ton von alten Zeiten und neuen Ufern, oder so ähnlich… Gruß von Hein & Oss.

Marxstatue

 

Marx im Bratenrock

Herr Adorno und sein Rehbraten

 

 

Die CSU, Seehofer und das Heimatmuseum

 

 

Wenn der Begriff Heimat fällt, denken die meisten wohl an einen Männergesangsverein, Alpenveilchen, Horst Seehofer oder an die Afd. Wobei das Alpenveilchen in dieser Reihung wohl noch die angenehmste Assoziation ist.

 

Theodor W. Adorno soll während seiner Zeit im Exil auf die Frage danach, was er am meisten an seiner Heimat vermisse, geantwortet haben: Rehbraten mit Wacholderbeeren, dunkles Brot und einen richtigen Winter. Eine durchaus nachvollziehbare Antwort. Insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass Adorno und die übrigen Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, in Kalifornien gelandet waren, wo das ganze Jahr über eine Temperatur von 23 Grad herrscht.

 

Von der AFD und der CSU wird der Heimatbegriff derzeit in Anschlag gebracht, um Andere, insbesondere muslimische Flüchtlinge und Migranten, auszugrenzen. Durch deren Zuwanderung gehe die vielbeschworene Heimat verloren. Dass durch die Anwesenheit „Fremder“ Heimat nicht mehr Heimat sei, ist sowohl eine steile These, als auch eine widerwärtige und unsinnige Behauptung. Dass Geflüchtete und Migranten als Bedrohung ausgemacht werden, nimmt sprachlich die Gewalt der Neonazis vorweg.

 

Heimat ist sowohl eine politischer, als auch eine sinnlicher Begriff. So wurde er schon im 19. Jahrhundert von der politischen rechten aggressiv in Anschlag gebracht. Nationalismus und Nationalstaatsbildung gingen dabei einher mit der Überhöhung der eigenen Heimat (oder Kultur) und der Abwertung der jeweils Anderen. Als Kampfbegriff zielte er schon damals auf den öffentlichen Raum ab.

 

Als sinnlichen Aspekt kann man vielleicht das beschreiben, was man bei der Rückkehr von einer Reise wahrnimmt. Das vertraute Klima, die Geräuschkulisse, die Sprache und Ähnliches.

 

Wenn ich nach Frankfurt zurückkomme, gehören dazu aber auch die türkischen Gemüsegeschäfte auf der Münchnerstraße (wo es nicht nur Rosenkohl und Kohlrabi gibt), der afrikanische Schuhverkäufer auf dem Flohmarkt mit seinen Rufen „Schuh for You, heute steuerfrei“, und eben nicht zwingend der Tante-Emma-Laden aus der Vergangenheit, den ich selbst kaum mehr mitbekommen habe. Die „Heimatbewahrer“ wünschen einen Stillstand der weder möglich, noch wünschenswert ist. Die Projektion eines (vorgestellten) guten Zustandes in die Vergangenheit soll in der Gegenwart reanimiert werden. Das vielleicht hervorstechende Merkmal in dieser Verwendung des Heimatbegriffs ist die Konstruktion von Kollektiven, die sich feindlich oder rivalisierend gegenüberstehen.

 

Dass ein Wiedersehen mit der „Heimat“ paradox verlaufen kann, schilderte Hannah Arendt. Die ebenfalls ins Exil geflüchtete Philosophin beschrieb bei ihrem ersten Besuch in Deutschland nach dem Krieg eine Szene bei der Ankunft im Hamburger Hafen.

Ein Zollbeamter habe die Ankommenden in deutscher Beamtenmanier zu Recht gewiesen: „Nun stellen Sie sich mal ordentlich an!“. Das habe in ihr ein Gefühl der Rührung ausgelöst.

 

Auf die Frage welches Ministerium er leite, antwortete Horst Seehofer, dass er für das „Heimatmuseum“ zuständig sei. Ein freudscher Versprecher par excellance. Bis heute sind die Aufgaben seines Ministeriums nicht definiert. Seehofer hat mit seinem Ausspruch, „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, als Antwort auf eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, Ängste und Abwehrreflexe gegenüber Muslimen geschürt. Wie schon von anderen festgestellt wurde, würde, wenn mit Deutschland der Staat gemeint sein sollte, auch das Christentum nicht zu Deutschland gehören – Die BRD ist schließlich ein säkularer Staat; dass Christen und Muslime in Deutschland zu Hause sind, ist ein Fakt, an dem auch das Heimatmuseum nichts wird ändern können.

 

Als Betätigungsfeld für das Heimatministerium bliebe vielleicht die Frage zu beantworten, ob Bayern denn zu Deutschland gehöre…

Herr Adorno und sein Rehbraten