Grand Hotel Abgrund*

Happy Birthday IVI!**

Erinnerungen an einen utopischen Raum

#ivi #institut für vergleichende Irrelevanz

Beim Betreten des Institut für vergleichende Irrelevanz grüßt ein Herr in einem auberginefarbenen Anzug auf fränkisch „Willste Dabak, isch hab auch ein klein’ Ebbelwoi“ (ein Angebot, dass sich am frühem Nachmittag kaum ausschlagen lässt).

Sowohl der Anzug, als auch der Herr, hatten sicher schon bessere Zeiten gesehen. Aus dem Keller kroch ein seltsamer Mix aus Moder und Schnaps.

Im Eingangsbereich lag ein ungeöffneter Brief zwischen Staub, alten Plakaten, eingetrockneten Bierpfützen und Zigarettenstummeln. „Ihr habt Post bekommen“. Der Herr, der wohl als eine Art Portier fungierte, sah das offenbar nicht als sein Geschäftsbereich an.

„Gannst ruhig aufmachen“. Der Brief begann mit „Liebe Scarlett! Warum beachtest du mich nicht mehr? Das kannst du mir doch nicht antun!“ Er enthielt also ein jammerndes Endlos-Lamento: Scarlett beachtet ihn nicht. Scarlett beantwortet seine Briefe nicht. Ob sie ihn denn einfach vergessen habe?

Auf dem jeden Montag stattfindenden Institutsplenum wurde versichert, dass es keine Scarlett am Institut gäbe. Vielleicht hatte der Schreiber einfach zu oft „Vom Winde verweht“ geguckt? Oder war selbst etwas durch den Wind?

An einem anderen Tag sollte der IVI-Hörsaal (liebevoll Stalingradsaal genannt) für eine Veranstaltung vorbereitet werden. An der Tür prangte ein großes Schild „Vorsicht! Hunde im Saal!“. Während die Veranstalter noch unschlüssig vor der Tür verharrten, schlich der Portier herbei. „Das sind die Hunde von Klein-Alex!“ „Und was machen die im Saal?“

Nach einem längeren Verhör kam heraus dass der fränkische Portier sich von einem 17-jährigen Teenager, dem der Hauch einer jugendlichen Mike-Jagger-Attitüde anhaftete, hatte überreden lassen den Hundesitter zu machen. Erst zwei Stunden zuvor war er von verschiedenen Zeugen gesichtet worden, als er von den Hunden durch den benachbarten Stadtteil geschleift wurde.

„Die haben einfach net gehört“ Als die Saaltür probeweise einen Spaltbreit geöffnet wurde, rannten zwei ausgewachsene Bestien in hohem Tempo bellend, mit gefletschten Zähnen auf den Eingang zu. „Gein Problem“ meinte daraufhin der Franke, „Isch hab die Delefonnummer von Klein-Alex“.

Am Telefon meldete sich der Vater von Klein-Alex und es entwickelte sich folgender Dialog.  „Wir sind hier ein Institut, man kann hier nicht einfach Hunde abgeben!“ „Welche Hunde?“ Jedoch gerieten dem Anrufer die Hunde zu einem „Hu-Hu-Hu-Hu“. Womit das Gespräch final an seiner Sinnlosigkeit scheiterte und in einem unkontrollierten Lachanfall endete.

Das Drama im Hörsaal nahm schließlich ein Ende als ein Institutsfreund, der über ausreichend Lebenserfahrung als Türsteher, Amateurboxer und Aushilfskellner verfügte, die Bühne betrat. Kurzum: Der ideale Retter in der Not.

Todesmutig betrat der Held den Saal. Mit psychologischen Fingerspitzengefühl näherte sich der Hundeflüsterer den Bestien mit einem Wassernapf in der Hand und sprach sie mit Kosenamen an „Na meine Wauzelchen! Was ist denn los? Haben die euch eingesperrt? Ja, ihr habt Durst! Ich bin ja jetzt da!“. Die Hunde waren wohl auch nach dem längeren Saalaufenthalt nicht mehr ganz so gut drauf, und es nahm längere Zeit in Anspruch, bis das aggressive Gekläff erlahmte.

An einem anderen Tag standen zahlreiche Bücherkisten vor dem Institutseingang. Die durchaus brauchbaren Wälzer wurden vom ortsansässigen Hobbybibliothekar sofort in die Instituts-Bibliothek integriert. Das dazugehörige Schreiben gab allerdings Rätsel auf:

Liebes Institut,

ich habe euch hier eine Auswahl aus meiner Bibliothek zur Verfügung gestellt.

Ich hoffe ihr habt Freude daran.

Sollte euch meine Spende gefallen, sagt einfach Bescheid.

Euer Herr Tulpe

Leider hatte Herr Tulpe vergessen seine Anschrift und seine Telefonnummer hinzuzufügen. So dass sich das Institut nie bedanken und auch nicht um weitere Bücher für die Bibliothek bitten konnte.

Also Lieber Herr Tulpe, nachträglich noch mal ein dickes Dankeschön, wenn Sie das hier jetzt lesen, ihre Spende war großartig! Und wenn es das Institut noch gäbe, hätte es sicher auch noch weitere Spenden in seinem Refugium unterbringen können.

*Der Titel geht zurück auf eine IVI-Veranstaltungsrezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ursprünglich wurde „Grand Hotel Abgrund“ für das Exil-Personal des Instituts für Sozialforschung nach seiner Flucht vor den Nazis in die USA verwendet. Das Kompliment der FAZ wurde im Plenum mit Wohlwollen aufgenommen.

** Am 3. Dezember 2003 wurde das Universitätsgebäude im Kettenhofweg 130 besetzt und die folgenden Jahren als selbstverwaltetes Kulturzentrum genutzt. Nach dem Verkauf an einen privaten Investor wurde das Gebäude im April 2013 geräumt.

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Grand Hotel Abgrund*

Deutschland volkt sich um

 

 

In trüben Zeiten gibt es auch immer wieder gute Nachrichten. Von Nazis und anderen Volksfreunden bejammert, ist die deutsche Bevölkerung nicht mehr ganz so kartoffelhaltig, wie sie es zu Führerzeiten einmal war. Während die Rechten vor einem Bevölkerungsaustausch warnen, siehe Victor Orbán, ist das doch vielmehr ein Signal in freudigen Jubelgesang auszubrechen.

Bei Licht betrachtet ist die Umvolkung ein bereits seit Jahrhunderten stattfindendes Phänomen. Die erste Umvolkung fand statt als der Homo Sapiens den Neandertaler verdrängte. Die Kelten wurden durch die Römer vertrieben. Die Römer durch die Germanen, Franken und Sachsen (was zugegebenermaßen ein schwerer kultureller Rückschlag war).

In der Bundesrepublik wurde nach dem 2.Weltkrieg durch Amerikaner, Franzosen, Engländer und Russen weiter fleißig umgevolkt, was zumindest in Westdeutschland einen positiven Effekt zeitigte. Die verbiesterten Deutschen sind heute (im Ganzen betrachtet) nicht mehr ganz so unerträglich und haben dadurch minimal an Charme gewonnen (so in etwa von +/-0 auf 3+).

Die Umvolkung scheint jedoch an manchen Orten bedenklich ins Stocken geraten zu sein. So überkommt einen doch ein tiefes Bedauern, wenn man deutsche Regionen bereist, die einfach noch nicht richtig umgevolkt wurden.

Noch schlimmer! Die Umvolkung ist dort gänzlich an ihnen vorbeigegangen! Verschrumpelte Hessen (insbesondere kartoffelförmige Gestalten aus der Wetterau), krummbeinige Sachsen und debile Bayern halten weiterhin ganze Landstriche besetzt. Es geht ja auch darum die kommenden Generationen vor dem traurigen Schicksal ihrer Ahnen zu bewahren!

Ziel wäre es die deutsche Bevölkerung durch Zuzug systematisch aufzusüden. Zuerst müsste freilich der Umvolkungsbedarf ermittelt werden, um zu schauen, in welchen Dörfern zwingende Maßnahmen ergriffen werden müssen (also eigentlich überall).

Ein Vorschlag zur Güte: Man könnte die geplanten Ankerzentren umfunktionieren um dort knubbelige Hessen, trinkfeste Bayern, maulfaule Schwaben und redselige Franken zu sammeln und sie für die Umsiedlung nach Afrika zu sortieren (der Bedarf dort müsste eben ermittelt werden). Das Kongobecken wartet gewiss auf streitlustige Niedersachen, säuerliche Sauerländer und lebensfrohe Pfälzer. Im Gegenzug kämen schlanke Massai, wohlgebaute Senegalesen und zierliche Pygmäen um die Umvolkung – nur eben nach ästhetischen Maßstäben – voranzustreiben. Ein klarer Fall fürs Heimatminsterium! Greifen Sie durch, Herr Seehofer!

Deutschland volkt sich um

Wahlkampf in Hessen

#hessenwahl2018

SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel, baut Ikearegale auf, liest kleinen Kindern Geschichten vor; darunter der Wahlslogan„Zukunft jetzt machen“. Der unauffällige Politiker soll als „Macher“ präsentiert werden. Wäre es nicht klüger, ihn als Planer und engagierten Sozialpolitiker zu inszenieren? So setzt sich Schäfer-Gümbel für die Anhebung der Erbschaftssteuer (zur besseren Finanzierung von Bildung) und gegen Steuervermeidung von Unternehmen ein.

Die Plakate von Grünen und FDP sind fast identisch in der Farbwahl (rosa-gelb-grün und rosa-gelb-blau), womit Modernität und Jugendlichkeit vermittelt werden soll. Auch die Slogans scheinen auf eine junge Wählerschaft abzuzielen „Grüne Vernunft gestaltet geiler“. Böse Zungen bezeichnen die grüne Mittelstandspartei bereits heute als „FDP für Mülltrenner“, was auf einen gewissen Abstand der Partei zu sozialen Wirklichkeiten anspielt. Die von der SPD vorgeschlagene Verfassungsänderung in Hessen, die die Kostenfreiheit von Bildung festgeschrieben hätte (kostenfreie Kitas und das Verbot von Studiengebühren), wurde u.a. von den Grünen abgelehnt.

Die Wahlerfolge der Grünen sind darauf zurückzuführen, dass selbst in Bayern bis ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen ist, dass Klimaerwärmung und andere Phänomene der Umweltverpestung dringend Gegenmaßnahmen erfordern. Die Grünen scheinen den Wählern schon allein durch ihren Namen ein zuverlässiger Garant dafür zu sein. Aber ist das so?

So hatte die Partei erst die Abholzung des Hambacher Forsts mitbeschlossen, um dann, nachdem sie wieder ihren Platz in der Opposition hatte, sich an den Protesten zu beteiligen. Auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht wegen seiner Nähe zu Positionen der Autoindustrie und der Durchsetzung von Stuttgart21 in der Kritik. Die Gewinne der Grünen lassen sich vielleicht auch damit erklären, dass sie im Gegensatz zu Linkspartei und SPD momentan keine Richtungskämpfe austragen. Manch einer mag das als positiv bewerten.

In Bezug auf Migrationspolitik sind die Grünen zumindest halbwegs glaubwürdig, da sie sich bisher nicht von der allgemeinen AfDisierung anstecken ließen und auch nicht Gefahr liefen, die soziale Frage gegen Migrantenrechte auszuspielen. Das hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass soziale Ungleichheit für die Partei nicht im Zentrum ihrer Politik steht. Ein Kapitel für sich sind die Umtriebe des Tübinger Oberbürgermeisters Palmer, ebenso die Zustimmung einiger grüner Politiker zur Ausweitung der „sicheren Herkunftsländer“.

Soziale Themen wie z.B. Kinderarmut werden dafür von der Linkspartei aufgegriffen mit Slogans wie „Mehr für die Kleinen“. Die Losung „Mehr für die Mehrheit“ ist dagegen etwas irritierend. Wer ist die Mehrheit? Rentner? Angestellte? Studierende? Arbeitslose? Unbelehrbare?

In Deutschland sind etwa 20% der Bevölkerung von Armut betroffen oder armutsgefährdet, das sind erschreckend viele, aber um eine Mehrheit handelt es sich auch hierbei nicht.

Mit „Bezahlbare Mietwohnungen schaffen“ thematisiert die SPD immerhin einen (weiteren) Notstand. Paradoxerweise hat sie aber den Vorschlag der Linkspartei, der für die Verfassungsänderung ein „Recht auf Wohnen“ vorsah, nicht unterstützt.

In der FDP begegnet uns die schon seit 200 Jahren existierende Tradition der Wirtschaftsliberalen, die mit dem Ruf nach Freiheit, vor allem eine Freiheit des Wirtschaftens durchsetzen wollen. Für Wirtschaftsliberale gilt meist: Unterschiedliche soziale Startbedingungen werden negiert. Der Erfolg des Einzelnen ist natürlich ausschließlich auf seine Tüchtigkeit zurückzuführen, wenn man von Aktienpaketen, Immobilien, Bildungsprivilegien dank kostspieliger Ausbildung etc. einmal absieht (was die Partei selbstverständlich tut)… Schon Marx hatte mit dieser Spezies zu tun. Er bezeichnete sie u.a. als „Freihandelsapologeten“.

Die CDU wirbt mit dem Slogan „Damit Hessen stark bleibt“ brüstet sich mit „So vielen Polizisten wie noch nie“ und proklamiert „Wurzeln erhalten, Zukunft gestalten“. Landesvater Volker Bouffier wirkte in letzter Zeit in Vergleich zu anderen CDU-Politikern beinahe wie ein milder Weihnachtsmann. Im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen hatte er sich nicht von Kanzlerin Angela Merkel distanziert und auch nicht versucht, AFD-Positionen schnellstmöglich einzuholen. Die Wahlkampagne weckt dennoch den Verdacht, dass autoritäre Gelüste angesprochen werden sollen, nämlich bei jenen, die sich von einem starken Patriarchen mit großem Polizeiaufgebot sicher in die Zukunft geleitet fühlen.

AFD-Plakate sind zumindest im Frankfurter Innenstadtbereich kaum zu finden. Zur letzten Veranstaltung Mitte Oktober, die von Rechten organisiert wurde, kamen in der Stadt am Main ganze 8 Teilnehmer. Leider sehen die Prognosen für die AFD auch für die Landtagswahl in Hessen im Vergleich dazu anders aus. Mit 14% sollen sie in den Landtag einziehen. So trifft wohl auch für die hessische Bevölkerung zu, dass rassistische und demokratiefeindliche Positionen unterstützt und ihnen dadurch zu einer Repräsentation in den Institutionen verholfen wird. Abgesehen von der Förderung des Personals durch Steuergelder.

Wahlkampf in Hessen

Frankfurt Buchmesse 2018 Foto-Love-Story

 

Die Frankfurter Buchmesse ist auch immer eine Chance alte und neue Liebe zu treffen.

Irgendein Online Buchvertrieb schickte derweil Schaumherzen in den Himmel und lieferte damit bilderhungrigen Fotografen herzige Motive.

Herzchen1

Ein bisschen mystisch ging es im Georgien-Pavillion zu: Ein abgedunkelter Raum und sphärische Klänge. Die elektronische Klangtapete, zusammengesetzt aus georgischen Sprachsamples, erinnert ein bisschen an Hildegard von Bingens Kompositionen.

 

Der georgische Dichter Zviad Ratiani trug mit hoher Intensität seine expressionistischen Gedichte vor. Neben Reflektionen darüber, was es bedeutet ein Schriftsteller zu sein, wurden auch existenzielle Fragen gestellt. „Solange ein Mensch nicht weiß, wann er sterben wird, wird die Poesie existieren“ übersetzt die Moderation.

Zviad Ratiani

Zur Stärkung gab es dann georgisches Essen: Tschaschuschuli und Chatschapuri (Eine Art Rindergulasch mit Koreander und gebackenes Käsefladenbrot). Eine menschenfreundliche Bedienung gibt den hungrigen Messebesuchern besonders große Portionen.

Georgisches Essen

 

Auf dem Weg in den Sonnenschein, wurden weiter unablässig Schaumherzen produziert.

Herzchen3

Die Chill-Out-Area war den ganzen Tag über stark frequentiert.

Chillen auf der Buchmesse

Am Frankfurt Pavillion gab es Kräuterbonbons für die Stimme, damit die frisch geschmierten Stimmbänder den Gesprächsmarathon stand halten konnten.

Frankfurt Pavillion1

Renommierte Kunstwerke aus der Katzenperspektive am Japanstand bei den internationalen Verlagen.

Katzenkunst

Katzenkunst2

 

Ohne sie würde die Buchmesse wohl zunehmend vergreisen. Die Cosplayer sind der bunte Farbklecks, die an den Besuchertagen in Scharen einfallen.

Cosplay Einhorn Buchmesse

Ende eines Buchmessentags: Gegen 17h war auch der ambitionierteste Besucher von der Erschöpfung dahingerafft (besonders originell ist die herunterhängende Socke).

Ende eines Buchmessentags

Und am Himmel schwebten die letzten Herzchen dahin….

Herzchen5

 

Im goldenen Oktoberlicht sind viele der Bäume an der Messe mit Pflückgedichten behängt. Ein Wiener Zetteldichter betätigt sich schon seit Jahren als poetischer Aktivist „Nie sich so anpassen, dass dir alles passt, was man dir verpasst: Sonst verpasst du alles.“

Pflückgedichte

Frankfurt Buchmesse 2018 Foto-Love-Story

„Für das Wort und die Freiheit“

Ein Veranstaltungsnachtrag

#fbm2018 #frankfurterbuchmesse2018

Für das Wort und die Freiheit

Als Esra Kücük von der Allianz Kulturstiftung nach dem Stand der anhängigen Gerichtsverfahren fragt, erklärt Deniz Yücel, dass es sich dabei um zwei Verfahren handele.

Ersteres ist der seit Juni in seiner Abwesenheit geführte Prozess in der Türkei. Die Anklage lautet auf Terrorpropaganda und Volksverhetzung. Die Anklageschrift bezieht sich dabei auf acht von ihm veröffentlichte Artikel und die Auswertung von Handyverbindungsdaten. Die Artikel, die damals in der Zeitung „die Welt“ erschienen, setzen sich u.a. kritisch mit der Situation der Kurden in der Türkei, dem Völkermord an den Armeniern und dem türkisch-kurdischen Beziehungen auseinander.

Bei den Handydaten wurde der Vorwurf erhoben, dass Yücel Kontakt zu Personen gehabt haben könnte, die zur PKK gehören könnten, oder die Kontakt zu Personen gehabt haben könnten, die Kontakt zur PKK gehabt haben könnten. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Konjunktiv vergessen habe“ merkt Yücel ironisch an.

Das zweite Verfahren werde beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geführt, dabei gehe es um die „Rechtsmäßigkeit der Verhaftung“, oder wohl vielmehr um ihre Unrechtmäßigkeit.

Der Geschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Alexander Skipis hatte sich während der Inhaftierung Yücels in dem türkischen Gefängnis Silivri für dessen Freilassung engagiert. Erst kürzlich nahm er an einer Mahnwache für inhaftierte Journalisten in der Türkei teil. Noch immer sitzen dort 140 Journalist/-innen in Haft.

Skipis verweist bei seinem Engagement auch auf „unsere Geschichte“. Und führt aus, dass die Buchbranche und der Börsenverein des deutschen Buchhandels ab 1933 mit dem NS-System kooperierten. Unter anderem sei der Verein an Bücherverbrennungen beteiligt gewesen.

Als Lehre aus dieser Geschichte sei für ihn besonders wichtig, dass es immer auch um Einzelschicksale gehe. Deswegen habe er sich für Deniz Yücel engagiert und setze dieses Engagement für inhaftierte Journalisten nun fort. Genannt wird u.a. der Name des Journalisten Ahmet Altan. Kritisch merkt er an, dass die 30 Artikel der UN-Menschenrechtscharta immer dann in den Hintergrund geraten würden, wenn wirtschaftliche, strategische und/oder Nato-Interessen ins Spiel kämen.

Deniz Yücel betont jedoch, dass sich auch mit der Freilassung von Journalisten nicht alles in der Türkei zum Guten wende. Die Meinungsfreiheit werde auch im Kleinen unterdrückt. Auch der Gymnasiast der einen Tweet absende, könne zum Opfer werden. Seit 2016 seien 1/3 der Richter und Staatsanwälte entlassen worden, im Sommer diesen Jahres sei eine der letzten kritischen Zeitungen, die Cumhuriyet durch ein „reaktionäres Redaktionsteam“ übernommen worden.

Yücel berichtet, wie zur Zeit seiner Inhaftierung von seinen Anwälten versucht worden sei, in der Türkei tätige deutsche Unternehmen wie Boss, Siemens, Bosch und Bauhaus dazu zu bewegen eine Anzeige zu schalten, in der sie eine (vorsichtige) Kritik an der türkischen Regierung formulieren sollten. Dazu seien sie aber nicht bereit gewesen. Erst kürzlich seien von einem dieser Unternehmen Leute entlassen worden, die sich einer Gewerkschaft anschlossen, was auch bedeutet, dass auch deutsche Unternehmen von dem ungenügenden Arbeitnehmerschutz in der Türkei profitieren.

Alexander Skipis fordert von der Bundesregierung das Eintreten für die Werte, die in der UN-Menschenrechtscharta festgehalten sind. Das sei aber derzeit nicht der Fall. Beispielsweise würden weiterhin Waffen nach Saudi-Arabien geliefert, und, als sich die kanadische Außenministerin für die in Saudi-Arabien inhaftierte Aktivistin Samar Badawi einsetzte (und darauf eine diplomatische Krise folgte), habe es keine Solidarisierung von Seiten der Bundesregierung gegeben.

Als weiteres Beispiel könne der Staatsempfang für Erdogan in Berlin gelten. Dort habe der ehemalige Redakteur Can Dündar seine Teilnahme wohl auf Verlangen des türkischen Staatspräsidenten trotz Akkreditierung absagen müssen. Ein weiterer Journalist sei von deutschen Polizisten aus dem Raum entfernt worden, weil er ein T-Shirt mit der Aufschrift, „Pressefreiheit für die Journalisten in der Türkei“ trug.

Auf die Frage der Moderatorin Esra Kücük nach dem Verdacht, dass die Freilassung von ihm an Waffenlieferungen an die Türkei geknüpft gewesen sein könnte, antwortete Yücel, dass er immer klar gemacht habe, dass er für solch einen „Deal“ nicht zur Verfügung stehe. Auch wenn er real betrachtet dabei wohl kaum hätte mitreden können. Es müsse auch gesehen werden, dass die Waffenlieferungen an die Türkei nie gestoppt worden seien, obwohl gemeinhin bekannt sei, dass deutsche Waffen in kurdischen Gebieten gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Der Verdacht, dass es einen solchen Deal gegeben habe, gehe auf eine Äußerung des damaligen Außenminister Sigmar Gabriel zurück.

Als die Moderatorin an den Vorschlag erinnert, die Türkei mit die Gewährung von Hermesbürgschaften zu binde, betont Yücel, dass es natürlich möglich sei Investitionen, Kredite und die Neuverhandlung der Zollunion an konkrete Bedingungen zu knüpfen, z.B. die Freilassung von Journalisten. Die Türkei könne aber nicht nur durch Druck von Außen geändert werden, aber, dabei zitiert er einen Abgeordneten der demokratische Partei der Völker (HDP) in der Türkei, Europa solle wenigstens kein Rettungsanker für Erdogan sein.

Die Strategie der Bundesregierung funktioniere dabei nur sehr begrenzt. Bei dem Staatsempfang vor zwei Wochen sei wohl die Idee gewesen, im Rahmen des Empfangs auch Kritik zu üben. Über die kritischen Töne, die Bundespräsident Steinmeier anschlug sei aber in der türkischen Presse nicht berichtet worden. Das Ganze wurde als Erfolg des Regimes verkauft. Die Politik habe eben keine Strategie im Umgang mit Politikern, die „einfach irgendwas behaupten“.

Skipis betont dass die Zukunft der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei nicht bei Erdogan liegen könne.

Yücel greift noch einmal die besondere Nähe zwischen den beiden Ländern auf. In Deutschland leben 3.000.000 Türken, auch deswegen, wegen den zahlreichen Freundschaften und Beziehungen die im jahrelangen Zusammenleben entstanden seien, sei die Türkei auch als „nahes Land“ empfunden worden. Nun laufe sie aber Gefahr als „irgendeine (weitere) Diktatur im Nahen Osten“ wahrgenommen zu werden. „Die Türkei besteht nicht nur aus der Erdogan-Regierung, wenn die abgestreift wird, sollte Europa offen sein“.

„Für das Wort und die Freiheit“

Alle Jahre wieder…

#frankfurtbuchmesse2018 #fbm2018

Die Buchmesse ist ein bisschen wie Weihnachten im Oktober. Ein zuverlässig wiederkehrendes Ereignis mit den gleichen Protagonisten.

Neben den Ständen von Verlagen, Zeitungen und Präsentationen verschiedener Länder haben sich in den letzten Jahren einige rechte Verlage verstärkt breit gemacht, was zu Gegenprotesten führte. Auf der einen Seite rechte Verlage die einfordern ihre Bücher und Medien auf einer Messe an den Mann zu bringen und auf der anderen Seite linke Positionen, die dies öffentlich in Frage stellen. Damit wurde am heutigen Freitag ein eher seltsamer Umgang gefunden. Das Zwischenstockwerk der Halle 4.1. wurde polizeilich abgesperrt, damit Björn Höcke sein neues Buch „Nie zweimal in den selben Fluss“ (ohne Gegenproteste) vorstellen konnte.

In seinem Buch erklärt Höcke, dass sich die BRD „im letzten Degenerationsstadium“ der Demokratie befinde, aus der sie nur ein „uomo virtuoso“ (Ein Mann mit Ehre) „als alleiniger Inhaber der Staatsmacht“ herausziehen könne, schreibt der Soziologe Andreas Kemper in der Zeitung Graswurzelrevolution.

Also doch nicht wie Weihnachten! Die Gestalten sind zu unerfreulich und mit der Aussperrung (zumindest eines Teils der Öffentlichkeit) wächst doch die Befürchtung, dass auch deren Aktivitäten irgendwie dem Blick entzogen werden. Ein an den abgesperrten Rolltreppen vorübergehender Buchmessenbesucher bemerkte dazu „Ich verstehe eh nicht, was die Nazis auf der Buchmesse wollen“.

Zu rechtem Terror hat der Verlag Antje Kunstmann in diesem Jahr das Protokoll des NSU-Prozesses veröffentlicht (Der NSU-Prozess. Das Protokoll). Autoren sind vier Journalisten der Süddeutschen Zeitung. Im Vorwort schreiben sie: „Dieser Prozess war ein Lehrstück deutscher Geschichte. Eine Tiefenbohrung in unsere Gesellschaft, die gefährliche Sedimente unter der Oberfläche wirtschaftlich blühender Landschaften und einer scheinbar gefestigten Demokratie zutage förderte: brave Bürger, die im Keller unterm Hitlerbild sitzen; fleißige Angestellte, die nichts dabei finden, ihren Pass und ihren Führerschein untergetauchten Neonazis zu überlassen: Verfassungsschützer, die ihre rechtsextremistischen V-Männer mit Steuergeld unterstützen, Polizisten, die der Witwe eines türkischen Opfers sagten, ihr toter Mann habe eine deutsche Geliebte und zwei Kinder mit ihr gehabt – nur um ihr angeblich verstocktes Schweigen zu brechen.“

Neu auf der Messe ist auch das Frankfurt Pavillon. Ein großzügiger Veranstaltungsraum im Innenhof der Messegebäude der von Außen an ein Schneckenhaus erinnert (von Innen eher wie ein Ikea-Regal). Am Freitagnachmittag traten dort unter dem Titel „Für das Wort und die Freiheit“ der Journalist Deniz Yücel und der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Alexander Skipis auf.

Buchmesse2018

Skipis wies auf die Kampagne „On the same page“ hin. Mit dem 70-jährigen Buchmessejubiläum soll auch die vor 70 Jahren verabschiedete UN-Charta für Menschenrechte gefeiert werden. Der im Februar aus der Haft in der Türkei entlassene Journalist Deniz Yücel erhielt vom Publikum gleich zu Beginn der Veranstaltung Standing Ovations. Sowohl Yücel als auch Skipis kritisierten, dass auf der politischen Ebene die Verteidigung von Menschenrechten hinter wirtschaftliche und strategische Interessen zurücktreten würde. Deniz Yücel merkte auch kritisch an, dass deutsche Unternehmen mit Standorten in der Türkei, den fehlenden Schutz von Arbeitnehmerrechten als Standortvorteil nutzen.

Für den Samstag hat die Satirezeitschrift Titanic eine Veranstaltung u.a. zusammen mit Stefanie Sargnagel unter dem Motto „Über Rechte reden“ angekündigt: „…denn sie sind ja überall: auf den Straßen (Chemnitz), in den Talkshows (Will) und auf den Buchmessen (Frankfurt)“. Im Gegensatz dazu verspricht die Titanic einen „radikalen neuen Ansatz“ und „dabei keinen einzigen Fascho zu Wort kommen (zu) lassen.“

Alle Jahre wieder…

Denn er ist ohne Arg…

Filmrezension

„Glücklich wie Lazzaro“

Lazzaro scheint in seiner eigenen Welt zu leben. Er ist kein Kind mehr und doch auch noch kein Erwachsener. In seiner Körperhaltung erinnert er an die Darstellung des Pierrots von Antoine Watteau. In der Dorfgemeinschaft ist Lazzaro der einzige, der niemanden für seine Zwecke ausbeutet und missbraucht, vielleicht auch, weil er es nicht kann.

Die Figur wirkt so oft eher wie ein Spiegel für die sie umgebenden Charaktere, deren Treiben er reflektiert. Er ist Heiliger und Idiot in einer Person. Der Schauspieler Adriano Tardiolo zeigt bei seinem Spiel kaum eine mimische Regung – seine Motorik hat jedoch einen hohen Wiedererkennungswert. Der etwas tölpelhafte junge Mann wird von der Gemeinschaft zeitweise mit Fürsorge bedacht, die jedoch schnell in Ablehnung umschlagen kann. Er gehört eben doch nicht wirklich dazu.

In einem entlegenen Flecken in Umbrien lebt eine familiäre Gemeinschaft von Feldarbeitern. Die Hauptfigur, der junge Lazzaro, steht in der Hierarchie an unterster Stelle und wird deshalb oft für ungeliebte Arbeiten herangezogen. Er duldet die Behandlung, steht ihr eigentlich völlig indifferent gegenüber. Die Landarbeiter leben unter der Herrschaft einer Contessa weiter in Leibeigenschaft, obwohl diese rechtlich längst abgeschafft ist. Die Contessa, von den Arbeitern „la serpenta“ genannt, betrügt die Arbeiter um ihre Freiheit und lässt sie weiter im Tabakanbau schuften. Die Dorfgemeinschaft wird aus diesen mittelalterlichen Zuständen direkt in die Moderne geworfen, was erstaunlicherweise gar nicht so viel an ihrer Lage ändert. Sie sind weiterhin besitzlos.

Oft wirken die Aufnahmen wie Traumbilder. Die öde Berglandschaft entbehrt beinahe jeder Vegetation (wenn man von der Tabakplantage absieht), tiefe, durch Erosion geschaffene Gänge erinnern an Schützengräben. Die Villa der Contessa ziert ein hoher Turm, von dem aus sie die Arbeiter überwacht.

Bei dem Wechsel in die städtische Umgebung herrscht ein gewisser Endzeitcharme vor: Mit Bahngleisen die ins Nichts führen, slumartigen Behausungen und Herrenhäusern an denen der Putz bröckelt.

Die große Palette an witzigen Nebenfiguren, die im Film auftauchen, wäre sicher auch in einer weiteren Ausgestaltung der Charaktere nicht langweilig geworden. Manchmal stellt sich ein gewisses Bedauern ein, nicht mehr von ihnen mitbekommen zu haben.

Die Musik wechselt von Klaviermusik zu Italo-Disco und schließlich zu klerikaler Orgelmusik. Der zeitlose Eindruck der Geschichte (man weiß nicht, wo die Handlung zeitlich zu verorten ist) wird unterstützt durch die Entscheidung der Regisseurin einen Analog-Film zu drehen. Die Farben erinnern an Fotografien aus dem letzten Jahrhundert und werden so zu einer Art geträumten Vergangenheit.

Denn er ist ohne Arg…